Beobachtungen
Von Jurek Schulz
Was für ein Regen! Seit gestern, dem 5. Januar 2018, gießt es in Strömen. Heute bin ich in Galiläa, in Nordisrael, und auch hier schüttet es unaufhörlich. Was zu Hause in Hamburg nichts Besonderes darstellt, ist hier in Israel ein außerordentlicher Segen. Der See Genezareth, der größte Süßwassersee des Landes, füllt sich langsam. Doch noch immer ist der Wasserspiegel viel zu niedrig. Israel erlebte in den letzten Jahren eine Dürre wie schon seit Langem nicht mehr. Besorgniserregend und für den Minister für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung Uri Ariel Grund genug, seine Landsleute zu einer besonderen Gebetszeit an der Kotel (Klagemauer) in Jerusalem einzuladen. Einige Tausend Israelis, darunter zahlreiche Rabbinen, folgten seinem Aufruf und beteten inbrünstig um Regen. Das war am 4. Januar 2018. Einen Tag später begann es überall im Land zu regnen. Die Menschen freuten sich sehr. Erdboden und Felder verwandeln sich allmählich in kleine Seenlandschaften – ein beindruckendes Bild und eine echte Gebetserhörung. Überhaupt erlebt das Land derzeit seltene Naturphänomene. So befand ich mich vor Kurzen noch im Süden, im Negev. Dort war es absolut beeindruckend, einen herannahenden Sandsturm zu beobachten, der sich in Minutenschnelle aufbaute. Noch nie in meinem Leben hatte ich ein derartiges Naturschauspiel erlebt. Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich die klare Luft in eine staubige, sandgelbe Decke und reduzierte die Sichtweite auf weniger als 100 Meter. Der Sandstaub drang dabei selbst durch kleinste Ritzen ins Haus ein – und dann kam der Regen. Auf dem ausgetrockneten Boden bildeten sich riesige gelbliche schlammige Wasserströme, die dann durch die Wadis (ausgetrocknete Flussbetten) donnerten.
An manchen Orten in den Bergen des Negev kam es zu massiven matschigen Schlammlawinen, die in die Täler stürzten und auf dem Weg dorthin kiloschwere Steinbrocken mitrissen.
Eine Stunde später war dann plötzlich wieder strahlender Sonnenschein, und mir kam es vor, als ob die Natur nur einmal kurz durchgeatmet hätte. Es war wahrhaft paradiesisch, wie die Luft aufklarte und das gesamte Land für kurze Zeit grünte.
Während der US-Präsident am 6. Dezember 2017 Jerusalem als Hauptstadt Israels öffentliche Anerkennung zollte, wurden im ganzen Land Demonstrationen abgehalten. Dieser bereits seit Wochen andauernde „Marsch der Schande“ hatte nicht das Geringste mit jener Erklärung Trumps zu tun. Den Demonstranten – allein in Tel Aviv versammelten sich über zehntausend davon, ging es darum, ihrem Ärger über die Korruption im politischen System Luft zu machen.
Hinsichtlich der Hauptstadtfrage erklärten mir Bewohner eines Kibbuz, dass sie eigentlich kein Verständnis dafür hätten, durch die Thematisierung der Jerusalemfrage das politische Ansehen Israels innerhalb der Weltgemeinschaft weiter zu belasten. Auch da erschienen mir meine Gesprächspartner sehr pragmatisch. Denn ihrer Meinung nach sei Jerusalem de facto natürlich schon längst die Hauptstadt Israels. Ob das einer anerkennt oder nicht, spiele für sie keine Rolle. Wichtig seien im Moment ganz andere Dinge. Vor allem die innenpolitischen Skandale der Bereicherungsmentalität von Politikern und Wirtschaftsbossen auf Kosten der „kleinen Leute“. Daher die Demonstrationen. Ich persönlich kann mich nicht daran erinnern, dass in Deutschland jemals Menschen wegen Korruptionsvorwürfen gegen Politiker und Wirtschaftsbosse auf die Straße gegangen sind. In Israel ist es normal, sich nicht alles gefallen zu lassen. Ich wurde an Sprüche 14, 34 erinnert: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk…“.
All dies und noch mehr durfte ich in den vergangenen Wochen hier im Land erleben, wofür ich sehr dankbar bin.
Am meisten freue ich mich jedoch über meinen sechswöchigen Studienaufenthalt im Süden Israels. Es war schon seit Längerem mein Wunsch, nicht nur „Bibelhebräisch“ zu lernen, sondern auch die Amtssprache Israels, das Iwrit. So konnte ich intensiv an einem Ulpan, einer Sprachschule, ins Neuhebräische eintauchen. Dabei wurde mir wieder klar vor Augen geführt, welch ein Wunder der Moderne die Wiedererweckung dieser Sprache doch ist. Einst hatte sich Gott in dieser Sprache den Menschen bekannt gemacht, wie der Urtext des Alten Testamentes, also der hebräischen Bibel, zeigt. Doch bis Ende des 19. Jahrhunderts, als Eliezer Ben-Jehudas Lebenswerk der Wiederbelebung und Erweiterung der hebräischen Sprache für den modernen Alltag allmählich Anwendung fand, war sie lediglich für den religiösen Bereich eingesetzt worden. Und nun? Heute ist sie eine quicklebendige Sprache, in der jeder seinen Kaffee bestellen kann und mit der eines Tages Israel auch seinen Messias begrüßen wird: „Baruch haba beSchem Adonai. Gesegnet ist der eine, der kommt im Namen des Herrn (Lk 13, 34). ν