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Zwei Völker Gottes? 

 

Von Catherine Meerwein

Immer wieder taucht die Frage auf, wer denn nun das Volk Gottes sei. Einerseits gehören laut Neuem Testament alle, die an Jesus glauben, zum Volk Gottes (1. Petr. 2,10), andererseits werden die Juden „Volk Gottes“ genannt.

Doch beginnen wir von vorne. Gott erwählte sich das Volk Israel, das von den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob abstammte. Er befreite dieses Volk aus der Knechtschaft in Ägypten und erwählte es sich so zu seinem Eigentumsvolk. Diese Erwählung bestätigte Gott durch den Bund am Sinai (2. Mo. 19,5.6). Im Alten Testament (Tenach) wird mehrfach betont, dass Gott diese Wahl nicht etwa aufgrund einer besonderen Qualität dieses Volkes, sondern aus reiner Liebe und Barmherzigkeit traf (5. Mo. 7,7.8).

 

Exklusive Identität

Diese exklusive Erwählung lässt Israel zum Volk Gottes werden. Sowohl sein Name als auch seine geografische Ausdehnung sind durch Gott bestimmt. Auch die Voraussetzungen der Zugehörigkeit zum Volk Gottes sind durch Gott festgelegt: die Abstammung von den Erzvätern, die Beschneidung, die Kultgemeinschaft sowie das Befolgen der Tora.

Diese Voraussetzungen leiten sich aus der Beziehung zu Gott ab und verdeutlichen, wie eng das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk ist. Entscheidend für das Selbstverständnis als Volk Gottes ist auch, dass diese Beziehung über Jahrhunderte hinweg durch die Geschichte bestätigt wurde.

Diese Erwählung begründet die Hoffnung des Gottesvolkes: Weil die Initiative von Gott ausging, ist er auch der Garant dieser Verbindung. Dies vermittelt Hoffnung angesichts eines Volkes, das in seinen Verpflichtungen als Volk Gottes immer wieder versagt. So hatte Hosea von Gott den Auftrag zu drohen: „Ihr seid nicht mein Volk und ich bin nicht euer Gott!“ (Hos. 1,9). Doch der Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat, ist ein ewiger Bund (1. Mo. 17,7). Obwohl Gott auch Gericht über sein Volk kommen ließ, hat er den Bund mit ihm nie aufgelöst. Im Gegenteil: Weil sein Volk aus eigener Kraft seinen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte, verhieß er ihm einen Neuen Bund: Ein neues Herz und einen neuen Geist, die den Gehorsam erst ermöglichen würden (Jer. 31,31-33; Hes. 36,26-27).

 

Doch nicht so exklusiv?

Schon im Alten Testament zeichnet sich aber auch eine andere Linie ab. Trotz der Erwählung dieses einen Volkes offenbart sich Gott auch als Herr aller Völker, dessen Segen allen Völkern verheißen ist (1. Mo. 12,3; 2. Kön. 19,15; Jes. 2; Mi. 4; Jona). Dies widerspricht der Exklusivität nicht, sondern weist eher auf die Bedeutung der Beziehung zwischen Gott und Israel hin: Israel soll als ein priesterliches Volk die anderen Völker zum Heil führen -(2. Mo. 19,6).

 

Die Neuerung in Person

In Jesus geschah dann das Unfassbare, dass Gottes Sohn Mensch wurde. Doch auch Jesus hatte nicht im Sinn, den Bund mit Israel aufzuheben. Im Gegenteil: Jesus wurde als Jude geboren und wandte sich zuerst an sein Volk. Gleichzeitig war es aber Jesus, der einen Neuen Bund einsetzte, der unter neuen Vorzeichen stand. Vor der Kreuzigung kündigte er an, dass sein Tod einen Neuen Bund begründen würde (Mt. 26,28). Die Zugehörigkeit zu diesem Neuen Bund wird nicht durch die Abstammung festgelegt, sondern durch den persönlichen Glauben an Jesus Christus. Denn Jesus erklärte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich“ (Joh. 14,6). Der Glaube an ihn verspricht ewiges Leben mit Gott (Joh. 3,16). Der Neue Bund bringt uns ein noch nie dagewesenes Heil und ermöglicht, was schon lange verheißen war, dass sogar nichtjüdische Menschen aufgrund ihres Glaubens das Volk Israel zur Eifersucht reizen werden (5. Mo. 32,21). Die Zugehörigkeit zu diesem neuen Bundesvolk steht allen Menschen offen. Der Neue Bund ist also nicht einfach nur „neu“, sondern er ist von anderer Qualität als der Sinai-Bund. Ihn ihm haben wir die ewige Gemeinschaft mit Gott.

 

Verhältnis zueinander

Interessant ist nun die Frage, wie diese zwei Bünde zueinander stehen. Wie gesagt, hat Jesus den Sinai-Bund nicht aufgehoben, aber einen Neuen eingesetzt. Von diesem Tag an bis heute bestehen beide Bünde nebeneinander. Das jüdische Volk ist immer noch Gottes Bundesvolk. Gleichzeitig gehört zu Gottes Volk als Kinder Gottes, wer an Jesus glaubt.

Der Unterschied ist, dass der erste Bund auf das irdische Leben bezogen ist, während wir im Neuen Bund eine ewige Gemeinschaft mit Gott erhalten. Diese ewige Beziehung zu Gott steht allen offen - auch Juden, die sich dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und seinem Sohn Jesus Christus anvertrauen wollen. Diese zwei Bünde können und dürfen wir nicht gegeneinander ausspielen, da sie jeweils einen unterschiedlichen Zweck haben. Der eine gibt ewiges Heil, der andere ist ein Versprechen an ein Volk auf dieser Erde.

 

Vergleichen Sie auch den Artikel “Zwei Wege zu Gott?

 

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