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Das Vaterunser als jüdisches Gebet

Hat sich hier ein Fehler eingeschlichen? Keineswegs, denn das christlichste aller Gebete ist zutiefst jüdisch. In einer Artikelserie werden wir dieser Tatsache nachgehen.

Von Martin Rösch

 

Das Vaterunser gilt als das christliche Gebet schlechthin. Schon der Kirchenvater Tertullian (150-230) sieht in ihm eine „kurze Übersicht des ganzen Evangeliums“. Die Berner Synode von 1523 lobt es mit diesen Worten: „Das vatter unser ist das war Christlich gebett, unnd der wasser krug oder eymer, damit uss dem brunnen der Gnaden, uss Jesu Christo… gnad geschöpfft unnd jns hertz gefasset wird.“

Johann Jakob Wettstein, Erforscher von griechischen Handschriften des Neuen Testaments im 18. Jahrhundert, sah das Vaterunser vollständig aus der jüdischen Tradition heraus erwachsen: „…alles ist aus hebräischen Formulierungen (kunstvoll) zusammengestellt.“

Dennoch war es unter Bibelauslegern über lange Zeit üblich, dieses Gebet als christlich im Sinne von „nicht jüdisch“ zu deuten. Zahlreiche Neutestamentler des 20. Jahrhunderts verstanden Jesus nicht als einen Teil der jüdischen Welt des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, sondern in Gegnerschaft zur jüdischen Tradition. Auf der Suche nach Jesus’ ureigener Stimme bedienten sie sich des Kriteriums: „Jesuanisch ist das, was sich nicht auf jüdisches Gedankengut zurückführen lässt.“

Hier hat in den letzten Jahrzehnten eine neue Sichtweise Einzug gehalten. Jesus wird inzwischen ganz im Rahmen der jüdischen Tradition des 1. Jahrhunderts verstanden. Auch jüdische Forscher haben im vergangenen Jahrhundert Jesus gewürdigt – als jüdischen Lehrer. So hat der deutsch-jüdische Religionsphilosoph Schalom Ben-Chorin ein Buch mit dem Titel „Bruder Jesus“ veröffentlicht. Bekannt geworden ist seine Einschätzung des Vaterunsers: „Die Eigenart des Vaterunsers gegenüber jüdischen Gebeten besteht nicht darin, dass seine Formulierung und sein Inhalt besonders originell wären. Im Gegenteil: alle Bitten haben ihre Parallelen in jüdischen Gebeten. Sie haben nicht nur ihre Parallelen in jüdischen Gebeten: das Gebet, das Jesus seine Jünger lehrt, ist ein jüdisches Gebet vom ersten bis zum letzten Worte.“

 

Ganz jüdisch, aber nicht original jesuanisch

Der Text des Vaterunsers findet sich im Evangelium nach Matthäus als Teil der Bergpredigt:

„Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Der in gottesdienstlichen Gebeten oft verwendete Abschluss des Vaterunsers lautet so: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

In der Lutherbibel ist dieser Abschluss mit abgedruckt, aber mit dem Hinweis, dass er erst in späten Bibelhandschriften zu finden ist. Es scheint, dass dieser Lobpreis auf ein Gebet von König David zurückgeht. Nachdem seine Untertanen Opfer gebracht haben, um seinem Sohn Salomo den Bau des Tempels zu ermöglichen, betet er (1. Chr. 11): „Dein, HERR, ist die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Hoheit. Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein, HERR, ist das Reich, und du bist erhöht zum Haupt über alles. Reichtum und Ehre kommt von dir, du herrschst über alles. In deiner Hand steht Kraft und Macht, in deiner Hand steht es, jedermann groß und stark zu machen. Nun, unser Gott, wir danken dir und rühmen deinen herrlichen Namen“ (11-12a).

Gerhard Maier bemerkt im edition C-Bibelkommentar über den Abschluss des Vatersunsers: „Wir haben hier … den Fall vor uns, dass mündliche apostolische Tradition später in viele Handschriften eingefügt wurde. Dennoch war die biblische Überlieferung so treu, dass selbst apostolische Tradition nicht vermocht hat, sich in den geachtetsten Handschriften durchzusetzen – obwohl sie ja nichts Falsches brachte! Aber man achtete streng darauf, die Worte des Herrn selbst vor jedem Zusatz zu bewahren. Die Geschichte des Vaterunserschlusses ist also ein Zeugnis für die Reinheit der Bibel über viele Jahrhunderte hinweg.“

 

Der Vater Israels, der Vater Jesu und der Vater seiner Jünger

„Unser Vater im Himmel“: Mit dieser Anrede dürfen Jünger Jesu sich an Gott wenden. Jesus wendet an – auf die Gesprächsbeziehung zu Gott –, was Gott schon am Anfang seiner Geschichte mit seinem Volk festgelegt hat: dass er Israels Vater ist. Als es darum geht, dass Mose vor den Pharao in Ägypten treten soll, um für sein Volk die Freiheit einzufordern, da erhält er den Auftrag: „… du sollst zu ihm sagen: So spricht der HERR: Israel ist mein erstgeborener Sohn“ (2. Mo 4,22).

Im Buch des Propheten Hosea finden wir Näheres dazu, wie Gott sein Vater-Sein seinem Volk gegenüber praktiziert und wie dieses auf seine Liebe antwortet: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg … Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme“ (Hos. 11,1-4).

Dass Gott ein liebender Vater ist, das ist in der Bibel tief verwurzelt. Ebenso aber ist das in denjenigen Gebeten tief verwurzelt, die in der Synagoge bis heute gesprochen werden. Ein Beispiel ist das Gebet „Awinu Malkenu, Unser Vater, unser König“. Dieses Gebet wird jährlich in der Zeit der Buße vom jüdischen Neujahrsfest bis zum großen Versöhnungstag gesprochen. Hier ein Auszug: „Unser Vater, unser König, wir haben vor Dir gesündigt. Unser Vater, unser König, wir haben keinen König außer Dir. Unser Vater, unser König, verfahre gnädig mit uns um Deines Namens willen.“

Jesus-Nachfolger aus den Nationen dieser Erde dürfen sich an denselben Vater im Himmel wenden, an den er sich gewandt hat, an den sich seine ersten Jünger gewandt haben. Dazu hat Jesus seine Nachfolger mit dem Vaterunser ermächtigt.

 

Erwachsene Kinder

Einem Ausleger des Vaterunsers verdanke ich den Hinweis, dass Gott nicht nur kleine Kinder hat. Die Gotteskindschaft bedeutet eine nahe Beziehung zu Gott – auch im Erwachsenenalter. Auch erwachsene Kinder bitten ihre Eltern oftmals um Rat und Hilfe. Sie wissen, dass sie zu Hause jederzeit willkommen sind. Dennoch sind sie selbständig, müssen sich durch manch schwere Lebensumstände kämpfen und selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Wie ist das mit der Gotteskindschaft? Kinder Gottes werden von ihm nicht nur versorgt und beschützt, getröstet und ermutigt, so sehr sie auch auf all diese Wohltaten Gottes dringend angewiesen sind. Erwachsene Kinder Gottes kennen Grundregeln für ihre Entscheidungen. Diese gehen zurück auf Gott, unseren Schöpfer und Vater, und sie gelten uns als Nachfolgern Jesu aus den Nationen nicht weniger als dem Volk Israel: „Nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, noch von dir, als dass du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, dass du in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebst und dem Herrn, deinem Gott, dienst von ganzem Herzen und von ganzer Seele …“ (5. Mo. 10,12). Jesus erinnert daran, dass zur liebevollen Gottesbeziehung unabdingbar auch ein liebevoller Umgang mit den Mitmenschen gehört.

Geleitet von diesen Grundregeln, müssen Kinder Gottes viele Entscheidungen treffen. Gott entscheidet nicht für sie, und sie müssen ihn auch nicht vor jeder Entscheidung um sein Ja oder Nein fragen. Ja, um Rat bitten, um Weisheit bitten, das dürfen und sollen Kinder Gottes. Dennoch traut Gott seinen Kindern in vielen Angelegenheiten offenbar zu, selber richtig zu entscheiden.

Sicherlich tun Kinder Gottes gut daran, wenn sie die Ohren ihres Herzens grundsätzlich offen halten für das Reden Gottes, für seine Impulse, dass sie dieses tun und jenes lassen. Bleiben diese Hinweise jedoch aus – sollen Kinder Gottes dies nicht als Zeichen werten, nach bestem Wissen und Gewissen selbst eine Entscheidung treffen zu dürfen?

 

Gott, unser persönlicher und unser gemeinsamer Vater

„Unser Vater im Himmel“ – diese Anrede Gottes begegnet uns auch in jüdischen Gebeten aus alter und neuer Zeit. Ja, Kinder Gottes dürfen sich daran freuen, dass der Schöpfer dieser Welt auch ihr persönlicher Vater ist. Der Apostel Paulus schreibt hierzu: „Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!“ (Gal. 4,6).

Mit „Mein Vater“ dürfen Nachfolger Jesu Gott im persönlichen Gebet ansprechen. Gott ist aber zugleich ihr gemeinsamer Vater, und so dürfen Kinder Gottes gemeinsam vor ihn treten mit der Anrede „Unser Vater“. Dem gemeinsamen Gebet wohnt große Kraft inne. So hat Jesus seinen Jüngern zugesagt: „Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel“ (Mt. 18,19).

Die Bibel findet immer wieder Worte für scheinbare Gegensätze. Ja, Gott ist einerseits der gemeinsame und der persönliche Vater seiner Kinder. Wahr ist andererseits aber auch: Gott ist seinen Kindern nicht nur nahe, vor ihnen, neben ihnen, hinter ihnen und unter ihnen. Gott steht auch über seinen Kindern, hat den vollständigen Überblick und alle Macht. Diese Wahrheit steckt in der Anrede „Unser Vater im Himmel“. Gott steht der Welt, in der seine Kinder leben, gegenüber, ja, noch mehr, er hält sie und somit auch seine Kinder in seiner Hand. Er hat Möglichkeiten, die alle menschlichen Begrenzungen unendlich weit übersteigen, hat unbeschränkten Einblick und Überblick. Nichts ist ihm zu verworren oder zu weit entfernt, nichts zu schwerwiegend oder zu gering. Was für ein Trost für Kinder Gottes inmitten aller Unzulänglichkeit.

 

 

Fortsetzung

 

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