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Stolpersteine für den Frieden im Nahen Osten

 

Von Hanspeter Obrist

Oft scheint unverständlich, weshalb im Nahen Osten keine Friedenslösung gefunden werden kann. Allerdings gibt es bei diesem Thema Punkte, die, wenn auch häufig übersehen, die Beilegung des Konflikts ungemein erschweren.

 

Sprache 

Ein erstes Hindernis stellen die unterschiedlichen Sprachen dar. In Israel und den angrenzenden Gebieten wird heute hauptsächlich Hebräisch, Arabisch und, durch die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, auch Russisch gesprochen. In Verhandlungen kommt dann noch das Englische hinzu. So ist man auf Übersetzungen angewiesen, was oftmals dazu führt, dass Dinge unterschiedlich aufgefasst werden. Die wenigsten sind in der Lage mitzuverfolgen, was genau in den anderen Sprachen verbreitet wird. Viele sind wie wir abhängig von Übersetzungen und deren Prägungen.

 

Religion

Im Nahostkonflikt prallen drei verschiedene Religionen aufeinander, die unterschiedliche Grundhaltungen vermitteln. Der jüdische Glaube definiert sich über Lebensstil und Traditionen. Der Islam fordert die Unterwerfung aller unter Allah. Der christliche Glaube basiert auf Normen, einem liebenden Gott (Joh. 3,16), einer persönlichen Entscheidung (Joh. 1,12) und der Liebe zum Nächsten (1. Joh. 3,7) – sogar zum Feind (Mt. 5,44).

 

Denken    

Aus den jeweiligen „Heiligen Schriften“ entsteht ein völlig unterschiedlicher Denkansatz. Im Judentum können ganz verschiedene Auslegungen und Traditionen nebeneinander stehen. Es ist eine Art Interpretationskultur entstanden, die besonders im Talmud und im Rabbinertum sichtbar wird.

Im Islam herrscht eine Schamkultur vor. Hier geht es darum, das Gesicht zu wahren. Man möchte auf keinen Fall in die Missgunst Allahs und der Allgemeinheit fallen.

Christen dagegen pflegen eher eine Normkultur. Das Gesetz oder Verträge schreiben vor, wie man sich zu verhalten hat. Auch herausragende Persönlichkeiten werden bei Fehlverhalten kritisiert. In einer Schamkultur jedoch fürchtet man sich, jemanden, der über einem steht, zu hinterfragen.

 

Soziale Struktur

Juden verstehen sich oft als Schicksalsgemeinschaft. Weil man Jude ist, gehört man zusammen, auch mit ganz unterschiedlichen Auffassungen.

In der arabischen Kultur spielt eher die Sippe oder Familie die übergeordnete Rolle. Es wird alles getan, um die Familienehre zu erhalten, weshalb auch immer wieder Ehrenmorde vorkommen.

Die christlich geprägte Welt denkt und handelt individualistisch. Es besteht eine geringere Bereitschaft, für eine übergeordnete Idee große persönliche Verluste einzustecken.

 

Geschichte

Seit Napoleon Ende des 18. Jahrhunderts den Nahen Osten erobert hatte, spielten die europäischen Interessen dort eine große Rolle. Der Transportweg in den Fernen Osten führte entweder per Schiff um den afrikanischen Kontinent oder über das Mittelmeer und das Rote Meer. So bestand seitens der westlichen Machthaber stets ein großes Interesse, im Nahen Osten selbst präsent zu sein oder zumindest ein gutes Verhältnis mit den Machthabern vor Ort zu pflegen. Die Folgen waren Interessenskonflikte sowie eine sich ständig wandelnde Politik.

Auch im Zweiten Weltkrieg erfuhr das jüdische Volk, dass Pazifismus (Gewaltverzicht) nicht vor Vernichtung schützt, so dass es sich gezwungen sah, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

 

Politik 

Auch heute treffen in Israel unterschiedliche politische Auffassungen aufeinander. Die israelische Politik kann sehr kontrovers sein. Jede Gruppierung versucht, durch Koalitionen die eigene Maxime durchzusetzen. Wenn dies nicht gelingt, ist man schnell bereit, die Seite zu wechseln. Die Folgen sind oft eine kurzlebige und personenorientierte Politik. Häufig kommt es zu vorgezogenen Wahlen oder Neubesetzungen. Die Stimmung im Land kann rasch umschlagen.

Auf arabischer Seite übernimmt derjenige die Regierung, der sich mit Gewalt durchsetzen kann. Hat er dies- erreicht, bleibt er in der Regel bis zu seinem Tod im Amt. Der Machtinhaber wird auch gewaltsam dafür sorgen, dass seine Stellung nicht in Gefahr gebracht wird. So ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Länder im Nahen Osten von Familienclans regiert werden.

Im Westen haben wir ein Demokratieverständnis, das auf festgelegten Regeln und Grundsätzen basiert. Normalerweise werden Kompromisse angestrebt.

 

Frieden von innen

Schon seit jeher prallen im Nahen Osten die unterschiedlichsten Kulturen aufeinander. Als Jesus auf der Erde lebte, wählte er einen einzigartigen Weg, um Frieden zu stiften. Er veränderte nicht die Umstände, sondern die einzelnen Herzen. Er wusste, echter Friede beginnt in den Herzen der Menschen (Joh. 3,3) und wird in deren Umfeld Auswirkungen haben (Luk. 6,45).

 

 

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