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Das Geheimnis der Sederfeier

 

Von Catherine Meerwein  

Die Sederfeier bildet den Auftakt zu den Pessachfeiertagen. Dabei hat jede Speise eine klare symbolische Bedeutung – bis auf den Afikoman.

Das Passahfest beginnt mit dem Sederabend, einem feierlichen Essen, bei dem verschiedene symbolische Speisen und Handlungen an den Auszug aus Ägypten erinnern. Salzwasser steht für die vergossenen Tränen, die Schärfe von Meerrettich für die Leiden in Ägypten, ein braunes Fruchtmus für die Herstellung von Lehmziegeln und ein Knochen für das Opferlamm. Zentrale Bedeutung haben die Matzen, die ungesäuerten Fladenbrote. Der überraschende Auszug aus Ägypten ließ keine Zeit, um richtiges Brot herzustellen.

Bei der Sederfeier liegen drei Matzen auf dem Tisch bereit. Die heutige Ordnung oder Liturgie, die Haggada, sieht vor, dass nach einigen einleitenden Handlungen der Hausvater die mittlere der drei Matzen herausnimmt, zerbricht und den größeren Teil im Raum versteckt. Danach geht die Feier mit Erzählungen und Symbolhandlungen weiter, bis schließlich das eigentliche Abendessen eingenommen wird. Nach dem Essen wird die versteckte Matze, Afikoman genannt, gesucht, unter den Anwesenden verteilt und gegessen.

 

Das Rätsel

Fragt man religiöse Juden, weshalb es drei Matzen sind, erhält man üblicherweise die Antwort: Sie stehen für die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob. Oder: Sie stellen die drei Teile des jüdischen Volkes dar – Priester, Leviten und das Volk. Weshalb dann die mittlere Matze zerbrochen wird, ist allerdings rätselhaft.

Messianische Juden erklären die drei Matzen mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die mittlere Matze stellt dann Jesus dar, der starb, begraben wurde und aus dem Grab auferstand. Dass Matzen heute so aussehen, dass sie mit feinen Löchern „durchbohrt“ sind und Streifen wie „Striemen“ haben, sehen sie als Bild für Jesus, der um unserer Sünde willen durchbohrt wurde und dessen Striemen uns Heilung sind (Jes. 53,5). Eine fantasievolle Interpretation, so könnte man meinen. Tatsache ist jedoch, dass die Bedeutung des Afikoman nicht eindeutig geklärt ist. Das Wort findet sich weder im Alten noch im Neuen

Testament. Es taucht erst in der Mischna auf, einer Sammlung rabbinischer Lehren, die ab dem dritten Jahrhundert zusammengefasst wurden. Die Mehrheit der Gelehrten ist sich einig, dass das Wort Afikoman griechischen Ursprungs ist.

Über Jahrhunderte dominierten die Interpretationen „Dessert“ oder „festliches Lied“, bis 1966 der jüdische Wissenschaftler David Daube zum Schluss kam, es müsse „der Kommende“ heißen und sich auf den Messias beziehen. Nach Daubes Ansicht war es diese mittlere Matze gewesen, die Jesus bei der Einsetzung des Abendmahls an seine Jünger verteilt hatte. Als Jesus sagte: „Dies ist mein Leib“, knüpfte er gemäß Daube an eine bestehende Tradition an, die in der mittleren Matze ein Symbol für den kommenden Messias sah. Daube vermutete, dass die Bedeutung des Afikoman verloren gegangen oder sogar gezielt unterdrückt und uminterpretiert worden war. Die Begründung dafür könnte sein, dass Jesus und damit auch seine Jünger die Tradition aufnahmen: Beim Abendmahl wird das Brot als der Leib des Messias verstanden. Dies könnte das rabbinische Judentum dazu bewegt haben, die Interpretation des Afikoman zu ändern, um sich abzugrenzen. Doch auch in der christlichen Kirche wurden die jüdischen Wurzeln verdrängt; es ist kaum mehr bekannt, dass das Abendmahl Teil der Pessachliturgie war. Allerdings ist damit nicht geklärt, wann und wie die Tradition des Afikoman in die Sederfeier kam.

 

Der Kommende im Abendmahl

Bis heute gehört zur Sederfeier der Aspekt des Wartens auf den kommenden Messias. So wird traditionell ein Platz für Elia freigehalten, den Vorläufer des Messias. Am Ende der Mahlzeit werden die Kinder zur Haustür geschickt, um nach Elia Ausschau zu halten. Dieser enge Bezug zur Messiaserwartung dürfte auch zur Zeit Jesu im jüdischen Volk verbreitet gewesen sein. Damals war sie mit der Hoffnung verknüpft, der Messias würde sein Volk vom Joch der römischen Fremdherrschaft befreien.

Was Christen heute als Abendmahl feiern, war ein kleiner Teil der Sederfeier. Jesus nahm den Afikoman, der zuvor schon zerbrochen worden war, und verteilte ihn an die Jünger. Wir erinnern uns damit an den Leib Jesu, der gebrochen wurde. Das Brot weist uns aber auch allgemein hin auf den Messias, der schon gekommen ist und wiederkommen wird.

Vier Kelche werden im Verlauf der Sederfeier getrunken: der Kelch der Heiligung, des Gerichts, der Erlösung und des Lobpreises. Beim dritten Kelch, dem Kelch der Erlösung, bezeichnete Jesus den Wein als sein Blut, das zur Vergebung der Sünden vergossen wird.

Lasst uns beim Feiern des Abendmahls für das jüdische Volk beten, dass sie erkennen, dass der von den Propheten vorhergesagte Messias bereits gekommen ist.

 

© amzi Reinach

Weitere Texte finden Sie im Buch „Feste Israels“, Brunnen Verlag Basel, Hanspeter Obrist

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