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Die Überraschung, die keine war

Von Catherine Meerwein  

In der heutigen Zeit wissen bei einer Straßenumfrage nur noch die wenigsten Leute, weshalb Pfingsten ein Feiertag ist. Und weshalb ereignete sich die Ausgießung des Heiligen Geistes ausgerechnet dann?

In Apostelgeschichte Kapitel 2 kann nachgelesen werden, was an jenem Tag geschah, kurz nachdem der auferstandene Jesus in den Himmel aufgefahren war. Tausende gläubiger Juden hielten sich zum Wochenfest in Jerusalem auf. Sieben Wochen nach Pessach wurde nach Gottes Anweisung Schawuot (Hebr. für Wochen) gefeiert, eines der drei Erntedankfeste. Auch die Jesusnachfolger hatten sich versammelt, als etwas Ungewöhnliches geschah. Ein gewaltiges Brausen erfüllte das Haus, wie von einem heftigen Sturm. Feuerzungen erschienen und ließen sich auf den Einzelnen nieder. Erfüllt vom Heiligen Geist begannen sie, in fremden Sprachen zu sprechen. Sie verließen das Haus und redeten mit den anderen Festbesuchern, die durch das Brausen angelockt wurden. Zum Schawuotfest waren Juden aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Muttersprachen in Jerusalem – und alle hörten die Jünger in ihrer eigenen Sprache. Dies führte zu großem Erstaunen und Verwirrung: „Wie ist das möglich? Diese Männer kommen doch alle aus Galiläa, weshalb sprechen sie dann plötzlich unsere Sprachen?“, aber auch zu Misstrauen und Spott: „Die sind doch nur betrunken!“

 

Gesetz in den Herzen

Blickt man etwas weiter zurück, ist das Geschehen gar nicht so sehr überraschend. Jesus erklärte, bevor er in den Himmel aufgehoben wurde: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“ (Apg. 1,8). Auch die Propheten hatten dies schon vorhergesagt. Joel prophezeite die Ausgießung von Gottes Geist auf Söhne und Töchter (Joel 3,1). Durch Jeremia hatte Gott verheißen, einen neuen Bund mit Juda und Israel zu schließen, der sich durch eine neue Qualität vom ursprünglichen Bund unterscheidet: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein“ (Jer. 31,33). Durch Hesekiel verspricht Gott eine Erneuerung Israels: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun“ (Hes. 36,26-27).

Gott hatte also schon Jahrhunderte vor der Ausgießung seines Geistes auf die Jünger Jesu versprochen, einen neuen Bund mit den Menschen zu schließen. Dieser Bund zeichnet sich aus durch erneuerte Herzen, weil Gott durch seinen Geist das Gesetz, seinen Willen, in die Herzen schreibt. Durch seinen Geist offenbart sich Gott den Menschen auf viel unmittelbarere Weise, als dies davor der Fall gewesen war. Vor der Ausgießung des Geistes war der durchschnittliche Gläubige angewiesen auf die Vermittlung durch Priester und Propheten. Durch seinen Geist kann Gott uns seinen Willen unmittelbar zeigen.

Dass dies alles ausgerechnet an Schawuot in Erfüllung ging, kann kein Zufall sein. Denn an diesem Festtag wird nicht nur für die Weizenernte gedankt, sondern auch für Gottes Offenbarung durch die Tora. Nach rabbinischer Überlieferung offenbarte sich Gott seinem Volk am 50. Tag nach dem Passah, dem Auszug aus Ägypten. Am Sinai erschien er den Menschen in Donner, Rauch und Feuer (2. Mo. 19,16-18) und gab durch Mose das Gesetz mit den Zehn Geboten und allen weiteren Anweisungen. Gott schloss auf diese Weise einen Bund mit dem Volk Israel.

 

Geburtsstunde der Gemeinde

Die Parallelen zwischen den beiden Ereignissen sind wirklich beeindruckend. Wie bei der Begegnung am Sinai erschien Gott den Menschen auch bei der Ausgießung seines Geistes in Donner und Feuer, allerdings mit unterschiedlichen Auswirkungen. Am Sinai starben 3000 Israeliten wegen ihres Ungehorsams (2. Mo. 32,28). In Jerusalem kamen 3000 Juden zum Glauben an Jesus (Apg. 2,41). Am Sinai schloss Gott durch die Offenbarung des Gesetzes einen Bund mit dem Volk Israel. Dort wurde Israel zum Bundesvolk. Durch die Ausgießung des Geistes wurde dieses Gesetz in die Herzen geschrieben. Dadurch wurde die Gemeinde Jesu geboren und die messianische Bedeutung des Schawuotfestes erfüllt. Von nun an sollte sich die Heilsbotschaft in alle Welt ausbreiten, wie Jesus kurz vor der Himmelfahrt vorhergesagt hatte. Gottes Reich begann, Sprach- und ethnische Grenzen zu überwinden und in einer neuen Dimension sichtbar zu werden.

 

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