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Schawuot – Gott offenbart sich

Von Hanspeter Obrist

 

Das jüdische Schawuot wird am 6. Siwan gefeiert – in der Diaspora zusätzlich auch am 7. Siwan. Das hebräische Wort Schawua heißt Woche und Schawuot ist die Mehrzahl davon, bedeutet also «Wochen». Sieben Wochen nach Passah, also am 50. Tag danach (griechisch Pentecoste, d.h. der Fünfzigste), soll Schawuot gefeiert werden (5. Mose 16,9-10). Die Zeit zwischen den Festen zählt man mit dem Omer. Das ist das hebräische Wort für Garbe. An Passah brachte man die Gerstengarbe, an Schawuot zwei gesäuerte Brote aus je einer Weizengarbe neben anderen Opfern in den Tempel (3. Mose 23,17). Schawuot war das einzige Fest, an dem es erlaubt war, Sauerteig für das Opfer zu verwenden. Der Sauerteig war auch deshalb erlaubt, weil das Opfer nicht auf dem Altar verbrannt wurde. An Schawuot durften die Felder auch nicht restlos abgeerntet werden, damit die Armen auch noch etwas zu essen bekamen (3. Mose 23,15-22). Pfingsten war deshalb immer auch ein Freudenfest für die Armen und Fremden.

 

Wallfahrtsfeste

In biblischer Zeit waren die drei Erntefeste Passah, Schawuot und das Laubhüttenfest mit Wallfahrten nach Jerusalem verbunden. Es waren Feste der Freude und des Dankes gegenüber Gott. An Passah dankte man für die Gerstenernte, an Schawuot für die Weizenernte und an Sukkot, dem Laubhüttenfest, für die Ernte von Wein und Obst. Heute wird Schawuot als ein fröhliches Volksfest gefeiert. Es ist Brauch, Synagogen oder Häuser mit frischem Grün zu schmücken. Man bleibt die ganze Nacht hindurch auf, um das mosaische Gesetz zu studieren. Als Grund dafür geben die Rabbiner an, dass es während der Gesetzgebung am Sinai blitzte und donnerte, was die Israeliten die ganze Nacht hindurch wach hielt. Ein weiterer Brauch während dieses Festes ist der Verzehr von Kreplach, dreieckigen Teigtaschen (ähnlich wie Maultaschen oder Ravioli), sowie von vorwiegend aus Milch hergestellten Produkten, da das hebräische Wort für Milch Chalaw numerisch den Wert 40 ergibt (Mose blieb 40 Tage lang auf dem Berg Sinai). Einige Juden tragen an Schawuot weiße Kleider, um sich daran zu erinnern, dass sich die Israeliten reinigten, bevor sie die Tora in Empfang nahmen. In der messianischen Bewegung treffen sich die verschiedenen Gemeinden zu einem fröhlichen Picknick mit zahlreichen musikalischen Beiträgen.

 

Rabbinische Überlieferung

Nach rabbinischer Überlieferung empfing Israel am 50. Tag nach dem ersten Passah die Offenbarung der Tora am Sinai. Durch die Gesetzgebung und den Bund, den das Volk mit Gott einging, wurden die Israeliten zu Gottes Volk. Dabei versprachen sie, alles zu tun, was der Herr ihnen geboten hatte (2. Mose 19,8). So ist Schawuot die Geburtsstunde Israels als Bundesvolk Gottes. Sie sollen ein Volk von Priestern für den lebendigen Gott sein (2. Mose 19,6). In der Synagoge werden deshalb während dieser Zeit die Kapitel 19 und 20 aus dem zweiten Buch Mose gelesen.

 

Zeit des Omerzählens

Die Zeit des Omerzählens gilt bei den religiösen Juden als ernste Zeit, in der keine Hochzeiten oder andere Vergnügungen stattfinden. Einige lassen sich während dieser Zeit auch keine Haare schneiden. Diese ernste Zeit wird nur am 33.Tag, dem Lag BaOmer, und seit 1948 auch am Unabhängigkeitstag Israels, dem Jom Ha- Azmaut, unterbrochen.

 

Jom HaAzmaut ist der Unabhängigkeitstag Israels. Am 5. Ijar 5708 (14. Mai 1948) wurde durch Ben Gurion der Staat Israel ausgerufen. Fröhlichkeit und Trauer liegen in Israel sehr nahe beieinander. So folgt dieser fröhliche Feiertag direkt den Zeremonien und dem Gedenken der gefallenen Soldaten am

 

Gedenktag für die Gefallenen (4. Ijar). Jom HaAzmaut beginnt am selben Tag am Abend (4. Ijar) mit einem Feuerwerk und wird in allen Städten mit fröhlichen Feiern auf den Straßen begangen. In ganz Israel werden Flaggen aufgehängt.Am 5. Ijar machen viele Familien ein Picknick. Genau so wie es in Jesaja 66,8 verheißen ist, wurde der Staat an einem einzigen Tag geboren.

 

Lag BaOmer (18. Ijar) wird ausnahmsweise als halber Festtag begangen, weil das Sterben von Rabbi Akibas Schülern in Folge einer Seuche im zweiten Jahrhundert nach 33 Tagen aufgehört haben soll. Rabbi Akiba lebte von 50 bis 135 und gilt als Begründer des rabbinischen Judentums. Während des Bar-Kochba-Aufstandes im Jahr 132 erkannte er Bar Kochba als den Messias-König an. Er war auch derjenige, der den Büchern des Tenachs die heute bekannte Ordnung gab, sie also kanonisierte. Heute werden am Lag BaOmer Freudenfeuer angezündet und Feste, vorwiegend am Strand, gefeiert.

 

Der Jerusalem-Tag erinnert an die Eroberung der Altstadt von Jerusalem im Sechstagekrieg am 28. Ijar 1967. Damit waren der Tempelberg und die Westmauer zum ersten Mal seit 70 n.Chr. wieder unter jüdischer Kontrolle. Zum Gedenken an die gefallenen Soldaten werden Fackeln entzündet.

 

Schawuot – Geburtsstunde des Gottesvolkes

An Schawuot erinnert sich das jüdische Volk an Gottes Offenbarung durch die Tora am Berg Sinai. So wie Gott dem Volk Israel damals bei der Gesetzgebung im Feuer erschien (2. Mose 19,18), so wurde Gottes neues Gesetz (Jeremia 31,31-33 / Hesekiel 36,26-27/ Römer 8,2) durch Feuerzungen an Schawuot in Jerusalem sichtbar. Als der Heilige Geist an Pfingsten mit starkem Brausen, vergleichbar mit dem Heulen eines Orkans, auf die Jünger herabkam, waren Juden aus allen Ländern der Welt in Jerusalem zusammengekommen, um an Schawuot ihre Erstlingsgabe darzubringen. Die Menschen hörten einen Donner, ähnlich wie in 5. Mose 5,22 und 2. Mose 19,16, wo die Stimme Gottes beschrieben ist. Woran muss ein Jude deshalb gedacht haben? Wahrscheinlich an den Bundesschluss am Sinai, bei dem Gott die Zehn Gebote (Tora) gab und bei dem eine ähnliche Erscheinung stattfand. In Jerusalem kam die Herrlichkeit Gottes zu den Menschen, jedoch nicht Angst einflößend wie am Sinai, sondern Neugier weckend. Als der Heilige Geist an Pfingsten kam und in der Gestalt von Feuerzungen auf den Köpfen der Jünger Jesu erschien, erfüllte sich die Prophetie aus Joel 3,1-5. Das Gesetz Gottes, das mit dem Gesetz vom Sinai identisch ist, wurde in die Herzen der Menschen geschrieben (Jer. 31,33; Hes. 36,26). Durch das Kommen des Heiligen Geistes auf die Jünger Jesu wurde die Gemeinde Jesu geboren (Apg. 2). Damit wurde die messianische Bedeutung des Festes erfüllt. Laut einer jüdischen Überlieferung wurde die Tora in 70 Sprachen gegeben. Wenn man bedenkt, dass 70 die jüdische Symbolzahl für die Völkerwelt ist, dann bekommt das Pfingstwunder eine neue Dimension, weil jedem Zuhörer die großen Taten Gottes in seiner Muttersprache bezeugt wurden. Pfingsten / Schawuot ist somit die Geburtsstunde Israels als Gottesvolk und der Gemeinde als Volk des Herrn. Indem die Ersten, die in den Leib Christi aufgenommen wurden, Juden waren, hat sich auch der Erstlingsaspekt des Festes erfüllt. Als an Schawuot der Heilige Geist ausgegossen wurde, kamen 3000 Juden zum Glauben an Jeschua, den Messias. Sie gründeten die erste Gemeinde, die nur aus Juden bestand. Die Ernte begann im jüdischen Volk und geht heute bis in alle Völker weiter.

 

Fest der Nichtjuden

An Schawuot wird auch das Buch Ruth in den Synagogen gelesen – also die Geschichte jener Frau, die als Nichtjüdin wegen ihrer Treue zu ihrer jüdischen Schwiegermutter, ihrer Liebe zum Volk Israel und durch die Heirat mit Boas ins Volk Gottes aufgenommen wurde. Ruth wurde sogar die Urgroßmutter von König David. Deshalb ist Schawuot auch das Fest der aufgenommenen Nichtjuden in Israel. Für die Nachfolger von Jeschua (Jesus) wurde durch das Kommen des Heiligen Geistes die Trennung zwischen Juden und Nichtjuden aufgehoben (Eph. 2,18; 1. Kor. 12,13; Gal. 3,28). Ganz neu wird uns die umfassende Liebe Gottes zu allen Völkern bewusst.

 

Weltweite Dimension

Im Schawuotfest kommt die weltweite Bedeutung der Gebote Gottes für alle Völker zum Ausdruck. Gott offenbart sich den Völkern durch sein erwähltes Volk. An Pfingsten erfüllte der Herr Juden mit seinem Geist und hob die Sprachbarriere auf, die als Gericht seit dem Turmbau zu Babel auf den Menschen lastete. Nach jüdischer Tradition stammt die Menschheit von den 16 Nachkommen Noahs ab. Daher werden in der Apostelgeschichte 16 Sprachgruppen genannt, um deutlich zu machen, dass von nun an die gesamte Menschheit, Juden und Heiden, die Botschaft Gottes ohne Sprachbarriere hören soll. Die erste Gemeinde war eine jüdische Gemeinde, die den Messias erlebte und bekannte. Unter der Führung des Heiligen Geistes konnte sich die gute Nachricht vom Messias über die ganze Welt ausbreiten. Die Jünger trugen die Botschaft in die verschiedensten Erdteile. Im Heiligen Geist wurde die anbrechende Herrschaft Gottes über alle Völker erfahrbar. In den Propheten ist verheißen, dass der Heilige Geist in Israel nochmals in einer besonderen Weise wirken wird (Sacharja 12,10). Heute wollen wir uns daran erinnern, dass die Frohe Botschaft zuerst Juden verkündet wurde. Das Evangelium gilt ihnen heute noch genauso. Keine Nation soll von der guten Nachricht vom Messias ausgeschlossen werden.

 

© amzi Reinach

Weitere Texte finden Sie im Buch „Feste Israels“ Brunnen Verlag Basel, Hanspeter Obrist

Bestellung amzi Postfach, CH-4153 Reinach / www.amzi.org

 

 

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