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Samariter oder Samaritaner?

Von Catherine Meerwein  

 

Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter ist bekannt, ebenso wie die Begebenheit, bei der sich Jesus in der Mittagshitze an einen Brunnen setzt und von einer samaritischen Frau Wasser schöpfen lässt. 

Die Reaktion der Frau im 4. Kapitel des Johannesevangeliums zeigt, dass die Beziehungen zwischen Juden und Samaritern zu jener Zeit nicht die besten waren. In Matthäus 10,5 warnt Jesus die Jünger sogar davor, in samaritische Städte zu gehen. Die Samariter galten als Abtrünnige. Die Gründe dafür lagen mehrere hundert Jahre zurück.

Noch heute gibt es eine kleine Religionsgemeinschaft im Nahen Osten, die sich Samaritaner nennt. Inwieweit sie mit den Samaritern der Bibel – die nach manchen Übersetzungen auch Samaritaner genannt werden – identisch sind, dem wollen wir in der Folge auf die Spur kommen.

 

Ablehnung

Im Alten Testament lesen wir, dass sich nach der Reichsteilung Israels etwa

926 v. Chr. die zehn Stämme im Norden zum Nordreich Israel zusammenschlossen, während sich die südlichen Juda und Benjamin zum Südreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem vereinigten. Im Nordreich wurde Sichem zur Hauptstadt bestimmt, später Samaria.

Im Jahr 722 v. Chr. wurde Israel von Assyrien erobert und die Angehörigen der begüterten Oberschicht deportiert. Dafür wurden Völker aus dem Osten dort angesiedelt, die sich mit der Zeit mit den ursprünglichen Bewohnern Samarias vermischten. Das daraus entstandene Mischvolk wurde als Samariter bezeichnet. In

2. Könige 17,24 ff. ist zu lesen, dass die Angesiedelten zwar im Glauben an den Gott Israels unterwiesen wurden, aber daneben ihre ursprünglichen Götter verehrten.

Etwas später wurde auch das Südreich erobert und ins Exil nach Babylon weggeführt. Der Tempel in Jerusalem, der

586 v. Chr. zerstört worden war, wurde nach der Rückkehr aus dem Exil

536 v. Chr. wiederaufgebaut. Die Samariter boten ihre Hilfe dabei an, was jedoch abgelehnt wurde (Esr. 4,3).

Unter diesen Bewohnern Samarias, den Schomronim, gab es wohl auch eine Gruppe, die den Glauben an den Gott Israels erhalten und nicht mit Götzendienst vermischen wollte. Diese bezeichneten sich als Schamerim, als Bewahrer. Die heutigen Samaritaner nennen sich selbst auch Schamerim, ihre Herkunft ist aber nicht eindeutig belegt.

Es besteht die Theorie, dass sich zur Zeit der Religionsreform von Esra und Nehemia um 440 v. Chr. in Jerusalem Anhänger der alten israelitischen Tradition nach Samaria absetzten. Darunter soll auch Manasse gewesen sein, der aus einer hohepriesterlichen Familie stammte, aber mit der Tochter des persischen Statthalters von Samaria verheiratet war. Er wollte sich nicht der Religionsreform unterwerfen, die die Auflösung von Mischehen vorsah, und wurde daher der Stadt Jerusalem verwiesen. Darauf schloss er sich den Samaritanern an, wie ich die Gruppe bezeichnen möchte, die am Glauben an den Gott Israels festhielt.

Die heutigen Samaritaner führen sich in ihren eigenen Chroniken auf die Stämme Manasse und Ephraim zurück.

 

Eigenes Heiligtum

Die Forschung geht davon aus, dass die Samaritaner gegen Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. auf dem Berg Garizim bei Sichem (heute Nablus) einen Tempel errichteten. Der Garizim ist der Segensberg, auf dem Josua im Auftrag des Mose den Altar für Gott gebaut hatte

(5. Mo. 27,1 ff.). Dieser Tempel wurde etwa 128 v. Chr. durch den jüdischen König Johannes Hyrkanos I. zerstört.

Die Samaritaner anerkennen nur die Autorität der fünf Bücher Mose an, nicht aber der anderen Schriften und Propheten des Alten Testaments und auch nicht der rabbinischen Schriften. Sie machten die Entwicklungen des rabbinischen Judentums nicht mit und behielten eine eigene Art der Religionsumsetzung bei, mit eigenem Heiligtum, eigener Liturgie und eigenem Hohepriester, der an Pessach die Tieropfer durchführt (Youtube-Video auf www.amzi.org).

Da die Samaritaner nur die fünf Bücher Mose anerkennen, berufen sie sich bei ihrer Messiaserwartung auf 5. Mose 18,18. Dort wird ein Prophet wie Mose verheißen, der nach ihrer Überzeugung aus dem Stamm Josef kommt. Im Aramäischen wird er Taheb genannt. Dieser Taheb würde sie alles lehren und den religiösen Zustand des alten Israel wiederherstellen. In Johannes 4 ist uns überliefert, dass die samaritische Frau zu Jesus sagte: „Ich weiß, dass der Messias kommen wird. (…) Wenn er kommt, wird er uns alle diese Dinge erklären“ (V. 25). – Dies spricht dafür, dass sie eine gläubige Samaritanerin war.

 

Heute

Im Verlauf der Jahrhunderte sank die Zahl der Samaritaner vor allem aufgrund der Islamisierung, so dass 1918 im britischen Mandatsgebiet Palästina lediglich noch 146 Samaritaner in fünf miteinander verwandten Familien gezählt wurden. Die sich ansiedelnden Juden waren ihnen aber wohl gesonnen, so dass die Gemeinschaft wieder wuchs und heute rund 700 Personen zählt. Sie wohnen je zur Hälfte in Kiryat Luza in der Nähe von Nablus am Berg Garizim und in Holon bei Tel Aviv. Die erste Gruppe spricht vor allem Arabisch, die zweite mehrheitlich Hebräisch.

Nicht vergessen sollten wir den Auftrag, den Jesus seinen Jüngern gab, kurz bevor er in den Himmel auffuhr: Sie sollten seine Zeugen sein „in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“ (Apg. 1,8).

 

 

 

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Passah-Zeremonie der samaritanischen Religionsgemeinschaft

http://www.youtube.com/watch?v=CU5IEsyzIVw