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Safed – die Geheimnisvolle auf den Bergen

Von Jurek Schulz

 

Diese Stadt mit ihren heute rund 30 000 Einwohnern ist seit dem frühen Mittelalter ein Magnet für religiöse Juden sowie Christen verschiedener Konfessionen.

Safed gilt auch als „Hauptstadt“ des jüdischen Kabbala-Mystizismus. Diese Form der Bibelinterpretation findet Anhänger in der ganzen Welt, etwa unter Hollywood-Promis. Die Stadt, die auf einer Höhe von rund 840 Metern im oberen galiläischen Bergland liegt, ist stark orientalisch geprägt und wirkt geheimnisvoll. Sie gehört seit frühester Zeit zu den heiligen Städten des Judentums, neben Jerusalem, Hebron und dem nur 35 Kilometer entfernten Tiberias.

 

Das „goldene“ Zeitalter

Die außerordentliche Bedeutung von Z’fat, so der hebräische Name, lässt sich in drei geschichtliche Perioden einteilen. Im 1. Jahrhundert war Safed laut Josephus Flavius, dem römischen Geschichtsschreiber, eine jüdische Befestigungsanlage im Kampf gegen die Römer. Da die Stadt aufgrund ihrer Lage strategisch von höchster Bedeutung war, wurden Feuersignale bis nach Jerusalem gesendet, so schreibt der Jerusalemer Talmud.

Die Kreuzfahrer errichteten 1102 in Safed eine Burg, die unterschiedliche Herrscher erlebte, bis sie 1266 von den ägyptischen Mamluken (ursprünglich Militärsklaven zentralasiatischer Herkunft) erobert wurde. Sie machten Safed zur Hauptstadt Galiläas.

Erst im 16. Jahrhundert brach unter osmanischer Herrschaft das „goldene Zeitalter“ der Stadt an. Schon 1550 lebten über 10’000 Juden in Safed, die meist aufgrund von Verfolgung und Pogromen aus Europa und Nordafrika hatten fliehen müssen. Die bedeutendsten Rabbiner und Gelehrten der damaligen Zeit begründeten den Ruf Safeds als geistige Hauptstadt des Judentums weltweit. Besonders verehrt werden noch heute die Rabbiner Josef Karo (1488–1575), Verfasser bedeutender Werke wie etwa „Schulchan Aruch“, Moses Cordovera (1522–1570), Kommentator des „Sohar“, des Hauptwerks der Kabbala, oder besonders auch Isaak Luria (1534–1572), der eine neuere Form des Mystizismus gründete. Ihre Synagogen und deren besondere Ästhetik sind noch heute ein bedeutender Anziehungspunkt für Menschen aus aller Welt.

Nachdem 1563 die erste hebräische Druckerei entstanden war, fand das Gedankengut der Kabbala weite Verbreitung. So kommt es zum Beispiel, dass das von Schlomo ben Moses ha-Levi Alkabez (1505–1576) verfasste Schabbatlied „Lecha Dodi“ weltweit Bedeutung gewann und noch heute in vielen Synagogen am Freitagabend gesungen wird. Darin heißt es: „Komm, mein Freund, der Braut entgegen, lasst uns den Sabbat begrüßen.“ Ursprünglich strömten die Menschen auf die Höhen von Safed und sangen dieses Lied unter freiem Himmel.

Durch die Mystik begünstigt, fand die Bewegung um den falschen Messias Schabbtai Zvi (1626–1676) in Safed fruchtbaren Boden.

Mehrere Erdbeben beendeten die Blütezeit. Doch nach der Staatsgründung Israels wurde Safed zu einem wichtigen Entwicklungsprojekt im Land. Die Restaurierung der vielen Synagogen, die Entstehung eines großen Künstlerviertels und wunderschöne orientalische Gasthäuser ließen den Tourismus zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt werden. 2006 jedoch ließ der zweite Libanonkrieg die Touristenströme versiegen, als Safed unter Beschuss durch Katjuscha-Raketen der Hisbollah stand. Dabei wurde unter anderem ein Krankenhaus getroffen.

 

Die Messiaserwartung

Die Sehnsucht nach dem Messias ist in Safed ausgeprägter als anderswo. So wird mir ein Gespräch mit einer Gruppe junger Yeschiwa-Studenten (Bibel- und Talmudschüler) unvergesslich bleiben, die mir erklärten, warum sie gegenwärtig im Rabbi Menachem Mendel Schneerson, der am 12.6.1994 verstarb, den Messias sehen und seine Auferstehung erwarten.

Das erinnerte mich an Leon Levinson (1881–1936), einen anderen Sohn dieser Stadt, ein Nachfolger Jesu und einer der Wegbereiter für die neuere jüdisch-messianische Bewegung. Sein Vater Nahum amtierte nicht nur als Rabbiner, sondern war auch der Leiter der Kabbalistik-Schule Safeds. Leon war ein Kenner der jüdischen Schriften, da er damit aufgewachsen war. Als junger Mann wurde ihm jedoch bewusst, dass er keinen echten Frieden im Herzen hatte. Von christlichen Missionaren besorgte er sich heimlich das „verbotene Buch“, das Neue Testament. Er fand darin Jesus, den Messias, und den Frieden, den er so lange gesucht hatte. Dies führte zum Bruch mit seiner Familie. So zog er nach England und wurde 1925 der erste Vorsitzende der neu gegründeten „International Hebrew Christian Alliance“ (IHCA). Durch ihn bekam die judenchristliche Allianz nach dem Ersten Weltkrieg einen internationalen Charakter. Noch heute ist Safed ein Zeugnis für die Sehnsucht der Menschen nach dem Messias. Vielleicht birgt diese Atmosphäre das Geheimnis ihrer Anziehungskraft.

 

 

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