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Blick hinter orthodoxe Kirchenmauern

Von Martin Rösch

Orthodoxe Kirchen üben nicht selten eine befremdliche, jedoch gleichzeitig auch eine faszinierende Wirkung auf Menschen der westlich geprägten Welt aus.

In Israel und in den palästinensischen Gebieten sind orthodoxe Kirchen, vor allem die griechisch-orthodoxe, unübersehbar vertreten. Man denke an die Geburtskirche in Bethlehem, die Grabeskirche in Jerusalem oder die Maria-Magdalena-Kirche mit ihren goldenen Kuppeln am Ölberg.

In den nächsten Nummern von focus israel möchte ich mich mit verschiedenen Themen im Zusammenhang mit den Ostkirchen befassen. Unter Ostkirchen versteht man orthodoxe, altorientalische und unierte Kirchen im Gebiet des früheren oströmischen Reiches – in Abgrenzung von der „westlichen“ römischen Kirche.

Christen mit protestantischer Prägung wissen von orthodoxen Kirchen häufig nur, dass in ihren Kirchengebäuden Ikonen hängen und die Liturgie samt Priester in prächtigem Gewand und Weihrauch eine wichtige Rolle spielt. Diese Äußerlichkeiten sind für so manchen Besucher ungewohnt und daher befremdend, für andere wiederum in ihrer die Sinne ansprechenden Art faszinierend. Bekannt ist vielen Israel-Reisenden auch, dass sich die Vertreter der Ostkirchen im Nahen Osten in der Regel als Anwalt der Palästinenser, insbesondere der palästinensischen Christen, verstehen und in politischen Fragen eher gegen Israel auftreten. Doch weshalb haben sich die Ostkirchen so und nicht anders entwickelt? Wir wollen hinter diese uns in weiten Teilen unvertraute Fassade blicken und versuchen, die Hintergründe zu verstehen. Wie kam es zu dieser kritischen Haltung gegenüber Israel, und welche kirchengeschichtlichen Entscheidungen haben dazu beigetragen?

Hinzu kommt, dass manche arabischen Christen in Israel und den palästinensischen Gebieten ursprünglich aus orthodoxen Kirchen stammen. Auch ist der Kontakt mit diesen „offiziellen“ Kirchen gerade in den palästinensischen Gebieten für manche Werke wichtig, da die traditionellen Kirchen anerkannt sind und einen gewissen Handlungsspielraum haben. Um unsere arabischen Glaubensgeschwister besser zu verstehen, scheint es uns wichtig, sich näher mit den Ostkirchen zu beschäftigen.

 

Orthodox

Was heißt „orthodox“? Gemeinhin wird dieses aus dem Griechischen stammende Fremdwort mit „rechtgläubig“ wiedergegeben. Ich wage einen Blick „hinter“ dieses Verständnis. Im Fremdwort „orthodox“ steckt das griechische Wort doxa mit seiner Bandbreite an Bedeutungen. Eine davon ist „Ehre“. Versteht man das Eigenschaftswort orthos im Sinne von „richtig“ oder „angemessen“, dann ist die orthodoxe Kirche diejenige, die Jesus Christus die ihm angemessene Ehre erweist, ihn bekennt als den, der er in Wahrheit war, ist und sein wird.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass in den orthodoxen Kirchen alle Sinne angesprochen und für die Begegnung mit Gott und seiner Welt genutzt werden. So sind die Ikonen in den orthodoxen Kirchen als Fenster zur himmlischen Welt zu verstehen. Sie sollen dazu dienen, der Gemeinde zu verdeutlichen, dass sie bei jedem Gottesdienst vereint ist mit den Heiligen und dem himmlischen Hofstaat, der den Thron Gottes anbetend umgibt. Auffallend ist auch der Gebrauch von Weihrauch, der die zu Gott emporsteigenden Gebete symbolisiert.

 

Untrennbar verbunden mit ihrem Herrn

Die orthodoxe Kirche sieht sich in ungebrochener Verbindung mit der allerers-ten Christenheit, mit den Aposteln Jesu. In einer Kirche auf Kreta fand ich in deutscher Sprache ein Heft mit dem Titel: „Was ist Orthodoxie?“ Darin formuliert der Autor Petros A. Botsis das Selbstverständnis seiner Kirche so: „Die Erlösung, die uns Christus mit seiner Aufopferung am Kreuz und seiner Auferstehung schenkte, setzt sich die Jahrhunderte hindurch in der Kirche fort… Das bedeutet, dass die Kirche Christus ist, der auch nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt weiterhin die Welt im Heiligen Geiste erlöst“ (S. 6).

Zugegeben: Es ist eine gewagte Aussage, „dass die Kirche Christus ist“. Zwischen Jesus und seiner Gemeinde unterscheiden Protestanten deutlicher. Immerhin aber betonen auch sie, dass man Jesus nicht von seiner Gemeinde trennen kann. „Er das Haupt, wir seine Glieder“, heißt es gut neutestamentlich in einem Choral von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf.

Über die Jahrhunderte hat die Gemeinde Jesu Christi immer wieder Spaltungen erlebt. Eine frühe Spaltung und damit auch Verarmung der Gemeinde Jesu Christi wurde offensichtlich mit dem Konzil von Nizäa im Jahre 325, einberufen vom römischen Kaiser Konstantin. Den judenchristlichen Bischöfen war die Teilnahme am Konzil untersagt. Liegt auf dieser Entscheidung womöglich ein Un-Segen, der sich in weiteren Kirchenspaltungen auswirkte? Mehr darüber in den nächsten Ausgaben von focus israel.

 

Fortsetzung

 

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