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Der Mythos von Masada

Von Jurek Schulz

In der Fortsetzung des Israel-ABCs sind wir mittlerweile bei M wie Masada angelangt.

Unvergessen bleibt mir der Aufenthalt in der Jugendherberge Masada mit meiner Reisegruppe vor vielen Jahren. Diese liegt am Fuße eines gewaltigen Tafelberges in den judäischen Bergen, der 434 Meter über das Tote Meer aufragt. Abends kamen viele israelische Soldaten in die Herberge. So nutzte ich dann die Möglichkeit, morgens um 3.30 Uhr mit ihnen über den im Osten gelegenen Jahrtausende alten „Schlangenpfad“ zur früheren Festung Masada auf den Gipfel des Plateaus zu klettern. Schon während des Aufstiegs, mit dem Toten Meer im Rücken, kam ich mir immer winziger vor, je höher ich gelangte. Oben auf dem rund 600 Meter langen und 300 Meter breiten Bergplateau angekommen, war ich ergriffen von der Majestät der atemberaubenden Natur, die mich umgab.

Während die Sonne aufging und der Morgennebel schwand, begannen viele Soldaten ihre Gebetsbücher zu öffnen, die sie in ihrem schweren Gepäck mitführten. Einige beteten im Tallit (Gebetsmantel), andere waren einfach andächtig still in sich gekehrt. Inzwischen war die Sonne aufgegangen, als die Soldaten plötzlich begannen, fast wie auf einen unhörbaren Befehl hin, die Nationalhymne, Hatikva, (Die Hoffnung), zu singen:

Solange noch im Herzen darinnen, ein jüdisches Fühlen noch taut, solange gen Südosten zu den Zinnen von Zion ein Auge noch schaut, solange lebt die Hoffnung auf Erden, die uns zweitausend Jahre verband: Dass ein Freivolk wir wieder werden, in Zion, Jerusalems Land. (dt. Übersetzung)

Ein bewegender und ergreifender Augenblick. Unwillkürlich wurde ich Zeuge davon, dass Masada ein Symbol des Existenzkampfes des jüdischen Volkes ist. Masada gibt ein traurig-erschütterndes Beispiel des Freiheitswillens des jüdischen Volkes wieder. Heute ist es ein Symbol des Überlebenswillens des Staates Israel.

Am Morgen, um 8.00 Uhr, kehrte ich wieder in die Jugendherberge zurück und begleitete dann die Älteren der Reisegruppe beim erneuten Aufstieg.

 

Wie kam die Festung auf den Berg?

Flavius Josephus (37–100 n. Chr.) gilt als der bedeutendste jüdische Historiker. Er beschrieb die Anfänge, Details und den Untergang von Masada in seinem ca. 74 n. Chr. erschienen Werk „Geschichte des jüdischen Krieges“. Demnach liegen die Anfänge des Baus von Masada als Fluchtburg in der Zeit der Makkabäerkriege (ab 167 v. Chr.). Der Hohepriester Jonathas war der Bruder von Judas Makkabäus (Regierungszeit 160–143 v. Chr.). Er ließ eine Festung auf dem natürlich entstandenen Bergplateau errichten, offensichtlich zum Schutz vor den syrischen Angriffen unter Antiochus Epiphanes (215–164 v. Chr.). Er nannte die Bastion hebr. „Mezada“, d. h. Festung. In Sichtweite des Toten Meeres lag der alleinstehende Berg strategisch besonders günstig, denn er hatte nur zwei sehr beschwerliche Zugänge. Ansonsten waren die Felswände ringsherum steil abfallend.

Später war es in besonderer Weise König Herodes (74–4 v. Chr.), der die Zufluchtsburg ausbaute. Der Herrscher über Judäa, Galiläa und Samaria hatte panische Angst vor der ägyptischen Königin Kleopatra (69–30 v. Chr.), die ein Liebesverhältnis- mit dem mächtigen römischen Feldherrn Marcus Antonius (ca. 82–30 v. Chr.) hatte. Dieser sollte ihn, Herodes, in ihrem Auftrag ermorden, um so das jüdische Land erobern zu können. Doch genauso groß war auch Herodes’ Angst vor dem eigenen Volk, da er ein grausamer tyrannischer Herrscher war.

Masada galt in seiner Zeit als uneinnehmbar, denn Herodes umgab den Gipfel mit einer gewaltigen Ringmauer aus weißen Quadern, sechs Meter hoch und vier Meter breit. Zusätzlich errichtete er 37 je 25 Meter hohe Türme. An der Westseite baute er sich einen Königspalast, der zusätzlich noch einmal mit Mauern und Türmen umgeben wurde. Ein beispielloses Waffenarsenal wurde angeschafft, das, wie Josephus schreibt, bis zu 10’000 Mann ausrüstete. Riesige Vorräte an Getreide und anderen Nahrungsmitteln ließ er herbeischaffen. Sogar Ackerbau wurde dort oben betrieben. Ebenso schuf er eine beträchtliche Anzahl an Zisternen, welche die verschiedensten Dampf-, Ritual- und Schwimmbäder mit frischem Wasser versorgten. 40’000 Kubikmeter Wasser konnten gespeichert werden. Alles wurde mit wunderschönen Mosaiken ausgestattet. Damit sollte über längere Zeit ein autarkes Leben möglich sein.

Selbst für das religiöse Leben sorgte Herodes und ließ eine Synagoge errichten, die heute die älteste der Welt ist. Alles erdenklich Angenehme wurde dort mitten in der Wüste auf diesem Felsen geschaffen, um so überleben zu können. Doch Herodes sollte die Festung nicht mehr nutzen können. Er hinterließ jedoch den Römern das schwerste Stück Arbeit im Vernichtungskrieg gegen die Juden.

Bastion der letzten Freiheit

Der römisch-jüdische Krieg fand sein vorläufiges Ende in der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. und kostete ca. 1,1 Millionen Juden das Leben. Rund 100’000 Juden wurden in die Gefangenschaft geführt. Der neue römische Statthalter von Judäa, Lucius Flavius Silva (R. 73–80 n. Chr.), sah sich unvermittelt mit einer Gruppe jüdischer Freiheitskämpfer, den Sikariern (lat. Dolchträger), konfrontiert. Diese Gruppierung, die eine Splittergruppe der Zeloten (griech. Eiferer) war, flüchtete während des Krieges zusammen mit ihren Frauen und Kindern auf die Festung Masada.

Ihr Anführer, Eleazar Ben Ya’ir, war ein Nachkomme von Judas dem Galiläer, der in Apostelgeschichte 5,37 erwähnt wird. Während des Krieges waren die Sikarier sogar bereit, Freunde zu töten, die in irgendeiner Weise die römische Herrschaft anerkannten und Steuern zahlten. Ihr fanatischer Freiheitswille war gepaart mit den grausamsten Handlungen, wodurch sie Angst und Schrecken bei Juden und Römern verbreiteten.

Nach der Zerstörung Jerusalems und ihrem Rückzug nach Masada währte ihre Sicherheit nur für kurze Zeit. Flavius Silva ließ von seinen römischen Truppen eine 4,5 Kilometer lange Mauer rund um Masada bauen, an der er seine acht Kompanien stationierte. Dadurch wurde gewährleis-tet, dass keiner der Sikarier entkommen konnte. An der Westseite ließ er einen Erdwall von mehr als 50 Metern Höhe aufschütten und darauf wiederum in einer Breite von 25 Metern weitere Steinblöcke mit bis zu 50 Metern Höhe aufschichten. Auf ihnen errichteten sie die so gefürchteten 30 Meter hohen Kriegstürme. Diese unermessliche Arbeit inmitten der Wüste wurde von den römischen Hilfstruppen ausgeführt. In der Regel rekrutierten sie sich aus anderen Völkern. Sie zeichneten sich durch besonderen Gehorsam aus, denn nach dem Militärdienst wurden sie mit dem römischen Bürgerrecht belohnt.

 

Der selbstbestimmte Untergang

Mit Feuergeschossen konnten die Römer nun eine Bresche auf Masada schlagen. Für Eleazar Ben Ya’ir wurde klar, dass Masada fallen wird: Die Männer würden getötet, die Frauen in Bordellen entehrt und die Kinder als Sklaven auf dem Markt verkauft. All dies hatten sie in der Vergangenheit erleben müssen. In einer flammenden Rede schwor er am Vorabend des Falles von Masada die 967 Männer, Frauen und Kinder darauf ein, als freie Menschen, in Freiheit und in Würde, selbstbestimmt zu sterben: „Ich halte es für eine besondere Gnade Gottes, (…) ehrenvoll als freie Leute unterzugehen, (…) ungeschändet sollen unsere Frauen sterben, frei von Sklavenketten unsere Kinder.“

Er gab Befehl, bis auf die Lebensmittelvorräte alles niederzubrennen. Anschließend versammelten sich alle Familien. Die Männer töteten darauf ihre- eigenen Familien mit dem Schwert. In einem Losverfahren wurden zehn Männer dazu bestimmt, die anderen Männer zu töten und die Leichen mit ausgebreiteten Armen neben ihre Familien zu legen. Danach begingen auch die restlichen Männer Selbstmord. Am nächsten Tag durchbrachen die Römer die Festungsmauern und trafen auf eine unheimliche Stille. Überall brannte es, aber ansonsten war eine tiefe Ruhe auf dem Felsplateau. Zwei jüdische Frauen und fünf Kinder hatten sich in Zis-ternen versteckt gehalten. Nun kamen sie heraus und erzählten die Geschichte. Doch niemand glaubte ihnen, bis sie ihnen den Weg in den Palast zeigten, wo sie die Menge der 960 Toten sahen. Keiner der Soldaten freute sich bei diesem Anblick über den Sieg. Diese Tat begründete den Mythos von Masada: den unbedingten Freiheitswillen des jüdischen Volkes.

 

Heute

Fast zwei Jahrtausende waren die Ereignisse nur durch Josephus bekannt, doch zwischen 1963 und 1965 wurde der Berg systematisch durch den Archäologen Yigael Yadin erforscht. Dieser entdeckte sogar die Reste einer kleinen Kirche von Mönchen aus dem 5. und 6. Jahrhundert.

Politische Bedeutung hatte Masada insofern, als zwischen 1965 und 1991 die militärische Grundausbildung der israelischen Soldaten auf Masada abgeschlossen wurde, als Symbol des Selbstbestimmungswillens des jüdischen Volkes. Inzwischen findet das militärische Zeremoniell nicht mehr statt, da der Vergleich mit den fanatischen Sikariern sowie die Assoziation mit dem kollektiven Selbstmord gescheut werden.

Heute ist dieser fast vergessene Ort nicht nur einer der symbolträchtigsten Orte für Israel, sondern auch ein Tourismus-Magnet geworden. Mehr als eine Million Besucher kommen jedes Jahr dorthin. Seit 1971 gibt es die tiefstgelegene Seilbahn der Welt, um hoch oben auf das Plateau zu gelangen. Im Jahre 2000 wurde wegen des Andrangs die zweite Seilbahn eingeweiht. Doch mein Tipp: Wer den Schlangenpfad emporsteigt, empfindet die eindrückliche Atmosphäre viel intensiver.

 

 

 

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