amzi focus israel Web20202

Unterwegs auf der Stadtmauer Jerusalems

Von Jurek Schulz

Wie ein Magnet zieht die Stadtmauer Jerusalems Pilger und Touristen aus der ganzen Welt an. Das Stadtbild wird von ihr geprägt.

Die mächtigen Festungsmauern umringen die Altstadt und umfassen ca. einen Quadratkilometer an Fläche. Süleyman, genannt „der Prächtige“ (1494-1566), erbaute sie zum Teil auf den originalen Umfassungsmauern aus der Zeit Jesu. Nach rund zehnjähriger Bauzeit wurden sie 1542 fertig gestellt. Ihre Länge beträgt 4018 Meter. Die Mauer hat eine durchschnittliche Höhe von zwölf Metern, an manchen Stellen bis zu 20 Metern, und ist etwa drei Meter dick. Die Altstadt Jerusalems liegt auf rund 800 Metern über dem Meeresspiegel, doch auf der Mauer erscheint es einem noch höher.

 

Einblicke und Ausblicke

Wir steigen am Jaffator auf und erleben einen unvergesslichen, atemberaubenden Blick auf die Altstadt. Beim Spaziergang über die Mauer bekommt man einen Einblick in die unterschiedliche Prägung und Atmosphäre der vier verschiedenen Stadtteile, des armenischen, jüdischen, muslimischen und christlichen. Gegen den Uhrzeigersinn bewegen wir uns zunächst am armenischen Viertel entlang und überqueren das Zionstor. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf den außerhalb der Stadtmauer liegenden Zionsberg und auf die Neustadt Jerusalems. In biblischer Zeit war der Zionsberg die eigentliche Stadt Davids, die alte Jebusiterstadt. Gegenwärtig ist der „Archäologiepark der Stadt Davids“ eines der wichtigsten Forschungsprojekte des Landes und immer einen Besuch wert. Der Eingang liegt am Anfang des palästinensischen Dorfes Silwan, dessen Hauptstraße hinunter zum Siloahteich führt, der lange Zeit Jerusalems wichtigstes Wasserreservoir war. Zur Zeit Jesu holte der Hohepriester zum Laubhüttenfest von dort das Wasser, um es als „Trankopfergabe“ in den Tempel zu bringen.

Dem Mauerverlauf folgend passieren wir als Nächstes das jüdische Viertel. Von hier aus sehen wir hinunter ins Kidrontal und hinüber auf den Ölberg mit seinen verschiedenen Kirchen und Tausenden jüdischen Gräbern. Dieser Ausblick erinnert mich an die Prophetie aus Sacharja 14,4, dass der Messias bei seiner Wiederkunft auf dem Ölberg stehen wird, sowie an die Himmelfahrt Christi vom Ölberg (Apg. 1,1-12).

Wir nähern uns auf der Mauer nun dem Kidronbach mit den in Fels gehauenen vier Grabanlagen. Die erste ist der Überlieferung nach das Grab Absaloms

(2. Sam. 18,18), einer von Davids Söhnen. Direkt dahinter liegt das Grab Josaphats (König von Juda, 1. Könige 22 ff.).

Das Kidrontal wird auch als das „Tal Josaphat“ bezeichnet (Buch Joel). Das dritte Grab ist das des Propheten Sacharja, dann folgt das der Tempelpriesterfamilie Bnei-Chesir (1. Chr. 24,15).

Nun liegt das „Tempelplateau“ vor uns. Die Sicht auf den Felsendom lässt erahnen, warum dieses Bauwerk eines der beliebtesten islamischen Monumente ist. Mit Millionen winziger Mosaiksteinchen wurde die Fassade dieses für die Muslime drittwichtigsten Heiligtums verziert.

Nicht immer ist es möglich, die Ostmauer zu passieren. Einmal hatte ich die Möglichkeit, die Mauer direkt über dem „Tor im Osten“ zu überqueren. Sowohl Juden als auch Christen erwarten, dass der Messias durch dieses Tor in Jerusalem einziehen wird.

 

Das Osttor

Die meisten Reisegruppen sehen sich dieses „Goldene Tor“ vom gegenüber liegenden Ölberg aus an. In biblischer Zeit war es der Zugang vom Ölberg zum Tempel, den auch Jesus und seine Jünger nutzten. Dieses Tor ist seit den Tagen Süleymans, mit kurzer Unterbrechung, zugemauert. Es wird auch behauptet, er habe dies angeordnet, um den Einzug des Messias zu verhindern. Interessant sind die Aussagen in Hesekiel 44,1-3, dass das Tor im Osten zugemauert bleibt, weil der „Gott Israels“ dort eingezogen ist.

Direkt vor dem Tor liegt ein muslimischer Friedhof, der für Reisegruppen allerdings nur bedingt zugänglich ist. Wenn die Mauer nicht an einem Stück begehbar ist, muss man zwischendurch absteigen, um dann den Rundgang etwas weiter vorne in der Nähe des muslimischen Viertels fortzusetzen. Zum Schluss umrundet man das christliche Viertel.

Hier noch ein Tipp: Ich empfehle kleineren Gruppen oder Individualreisenden, möglichst alle Altstadt-Tore an einem Tag aufzusuchen. Jedes einzelne weist eine ganz eigene Architektur und Besonderheit auf. Jeder ihrer Namen schlägt die Brücke zu historischen Ereignissen. Auf der Reise von Tor zu Tor erwacht die Geschichte Jerusalems zum Leben, und gleichzeitig erhellt sich der Hintergrund für die Probleme der Gegenwart. „Wünscht Jerusalem Heil. Es möge Friede sein innerhalb deiner Mauern“ (Ps. 122,67). ྒ

 

zurück

 

 

Jerusalem – Stadt des lebendigen Gottes

 

Von Jurek Schulz

Jerusalem bedeutet: „Stadt/Gründung des Friedens“. Dieser Name steht seit Gründung der Stadt im Widerspruch mit der Realität, denn keine Stadt ist so umkämpft. Doch gerade deshalb ist „Friede“ dort nötig. Wir sind aufgefordert, für den Frieden Jerusalems zu beten, gerade weil es ein Konfliktherd ist: „Wünschet Jerusalem Glück! Es möge wohl gehen denen, die dich lieben! Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!“ (Ps. 122,6+7).

 

Stadt des geheimnisvollen Königs

Jerusalem wird erstmals in 1. Mose 14,18 erwähnt. Dort begegnet Abraham dem Melchisedek, dem König von Salem (vor ca. 4000 Jahren). Damals gehörte Salem zum Gebiet von Kanaan, das wiederum eine Provinz des Pharaonen-Großreiches Ägypten war.

 

Stadt des Königs Davids

Bis zur Zeit Davids (vor ca. 3000 Jahren) wurde die Stadt Jerusalem von den Israeliten nicht eingenommen, sondern stand unter der Herrschaft der Jebusiter.

David eroberte und prägte diese Stadt (1. Chr. 11,4-7.9; 2. Sam. 5,6-10). Da sie zu keinem Stammesgebiet des Volkes Israel gehört hatte, war sie ideal als neue Hauptstadt, um dem Volk eine neue gemeinsame Identität zu geben. Später holte David die Bundeslade mit dem Gnadenthron nach Jerusalem (2. Sam. 6; 1. Chr. 13+15).

 

Stadt des lebendigen Gottes

967 v. Chr. baute König Salomo den Tempel als Ort der Begegnung des Menschen mit dem lebendigen Gott. Bei der feierlichen Tempeleinweihung lesen wir, dass Gott sich selbst in einer einzigartigen Weise mit dieser Stadt verbunden hat. „Aber Jerusalem habe ich erwählt, dass mein Name dort sei, und David habe ich erwählt, dass er über mein Volk Israel König sei“ (2. Chr. 6,6, vgl. auch 2. Chr. 5,11-14; 6,5; 7,11.12.15). Gottes Gegenwart erfüllte den Tempel. Das ist es, was Jerusalem so besonders macht und es von allen anderen Städten der Welt unterscheidet.

 

Stadt des jüdischen Herzens

Die Blütezeit Jerusalems erreichte unter David und Salomo, vor rund 3000 Jahren, ihren absoluten Höhepunkt. Seither ist Jerusalem das Herzstück jüdischer Kultur, Tradition und Religion. Obwohl die Stadt 17 Mal zerstört wurde, ist sie dem jüdischen Volk allerorts immer in Erinnerung geblieben. Auch in nachbiblischer Zeit blieb Jerusalem stets Gegenstand der Sehnsucht. Das wichtigste Fest im Judentum, das Passahfest, wurde und wird jedes Jahr mit dem Wunsch abgeschlossen: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Selbst am schönsten Tag des Lebens, der Hochzeit, wird an Jerusalem gedacht, wenn als fester Bestandteil der Trauungszeremonie ein Glas zertreten wird. Diese symbolische Handlung soll an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem erinnern.

 

Stadt der Untreue und Niederlage

586 v. Chr. wurde Jerusalem von den babylonischen Truppen Nebukadnezars eingenommen. Die Stadt wurde niedergerissen und das Herzstück, der Tempel, wurde vollkommen zerstört. Jeremia fragt Gott in dieser Situation: „Hast du denn Juda verworfen oder einen Abscheu gegen Zion? Warum hast du uns denn so geschlagen, dass uns niemand heilen kann?“ (Jer. 14,19). Warum half Gott nicht mehr? Weil Gott sich von Jerusalem zurückzog, wurde es schutzlos. Um der Schuld gegen Gott willen wurde die Stadt zerstört (Jer. 14,17-22; 15,1). Gottes Antwort ist: „Wer will sich denn deiner erbarmen, Jerusalem? Wer wird denn Mitleid mit dir haben? Wer wird denn kommen und fragen, ob es dir gut geht? Du hast mich verlassen, spricht der HERR, und bist von mir abgefallen; darum habe ich meine Hand gegen dich ausgestreckt, um dich zu verderben; ich bin des Erbarmens müde“ (Jer. 15,5-6).

 

Stadt der jüdischen Sehnsucht

Jerusalem blieb jedoch Zentrum der Sehnsucht. Der Prophet Daniel, der nach Babylon deportiert wurde, konnte seine Heimat nicht vergessen. Wir lesen von ihm: „Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“ (Dan. 9,17-18).

 

Stadt des Messias

Jerusalem wurde der Ort, an dem der Messias lehrte, gekreuzigt wurde, auferstand und in den Himmel auffuhr – und wohin er nach seiner Voraussage am Ende der Zeit wieder zurückkommen wird (Sach. 14,1ff.).

Jerusalem wurde die Geburtsstätte der ersten messianisch-jüdischen Gemeinde. Zehntausende jüdische Menschen kamen in der Folgezeit zum Glauben. Und Jerusalem war auch der Ort, von dem die Botschaft des Messias in die ganze Welt hinausging!

 

Seit 2000 Jahren – die hin und her geworfene Stadt

Prophetisch wies Jesus auf die Zukunft Jerusalems (Lk. 19,41-48; 21,25) hin. Die angekündigte Zerstörung Jerusalems ereignete sich 70 n.Chr. Dabei starben über 1,1 Millionen Juden, 100’000 wurden als Sklaven nach Rom deportiert.

Nachdem Jerusalem dem Erdboden gleich gemacht worden war, ließ Kaiser Hadrian eine typische römische Stadt mit einem Jupitertempel auf dem Tempelplatz erbauen. Die Stadt erhielt einen neuen Namen: Aelia Capitolina. Juden war es bei Todesstrafe verboten, ihre Stadt zu betreten! Ebenso bekam das Land Israel einen neuen Namen: Palästina. Vom vierten bis ins siebte Jahrhundert wurde Jerusalem dann christlich und zum Wallfahrtsort. Überall entstanden Kirchen, Heiligtümer und Klöster. Ca. 638 wurde die Stadt dem Islam unterworfen, woraufhin 691 der Felsendom und 715 die Al-Aksa-Moschee (ferne Moschee, gemäß Sure 17,2) gebaut wurden. Seitdem gilt Jerusalem, das in „Al Kuds“ (Die Heilige) umbenannt wurde, im Islam als die drittheiligste Stadt nach Mekka und Medina.

Jerusalem stand fast 1900 Jahre unter wechselnder Herrschaft verschiedenster Nationen. Selbst nach der Staatsgründung Israels (1948) sollte es noch einige Jahre dauern, bis ganz Jerusalem wieder in jüdischer Hand war (1967). In diesem Jahr sind es nun 40 Jahre, seit der Kern von Jerusalem zu Israel gehört.

Dennoch bleibt das Prophetenwort gültig: „Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen. Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir“ (Jes. 49,14-16).

 

Stadt der göttlichen Mahnung

Sind Gottes Verheißungen verfallen? Soll, wie manche Juden und Christen meinen, der Felsendom abgebrochen und dafür der jüdische Tempel wieder aufgebaut werden? Soll ein jüdischer Tempel neben dem Felsendom erbaut werden? Soll es so bleiben, wie es jetzt ist, dass die Juden ihre Westmauer und die Muslime den Felsendom haben? Ist dieser Ort, an dem einst der Tempel stand, heute für Gott unbedeutend?

Gott selbst sagt über den Tempelplatz: „Werdet ihr euch aber abkehren und meine Rechte und Gebote, die ich euch- vorgelegt habe, verlassen und hingehen und andern Göttern dienen und sie anbeten, so werde ich Israel ausreißen aus meinem Lande, das ich ihnen gegeben habe, und dies Haus, das ich meinem Namen geheiligt habe, werde ich von meinem Angesicht verwerfen und werde es zum Hohn machen und zum Spott unter allen Völkern. Und vor diesem Hause, das so hoch erhoben wurde, werden sich entsetzen alle, die vorübergehen, und sagen: Warum ist der HERR mit diesem Lande und mit diesem Hause so verfahren? Und man wird sagen: Weil sie den HERRN, den Gott ihrer Väter, verlassen haben, der sie aus Ägyptenland geführt hat, und sie sich an andere Götter gehängt und sie angebetet und ihnen gedient haben, darum hat er all dies Unheil über sie gebracht“ (2. Chron. 7,19-22).

Die entscheidende Frage Jerusalems ist eine geistliche: Die Frage der persönlichen Beziehung der Bewohner der Stadt zu dem Schöpfergott, der im Messias Mensch wurde und als der „König der Juden“ in die Geschichte einging. Wer den wahren Frieden Jerusalems sucht, kommt nicht an Gott vorbei (Mt. 23,39).

Bis es zum tatsächlichen Frieden kommt, wird Jerusalem noch weiter unter Druck kommen (Sach. 12-14).

 

Das neue Jerusalem – Stadt der göttlichen Gegenwart

Jerusalem wird die Krönung für alles Neue, was der Herr in Zukunft von Grund auf schaffen wird. Jerusalem ist das Symbol und der Inbegriff der Treue Gottes in seinem Erlösungshandeln mit der Menschheit. Das neue Jerusalem wird das Zentrum der Gegenwart Gottes sein (Off. 21,1-5: Sach. 2,14-17).

Die Gegenwart Gottes wird Jerusalem zur Stadt des Friedens machen. Jerusalem wird zum Zentrum des Friedens für die Menschen werden. Dann wird sie ihre ihr schon immer zugedachte Bestimmung erleben: „Stadt des Friedens“ (Sach. 14).

 

 

zurück

 

Diesen Artikel drucken