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Mündliche Tora, Tradition und Gottes Wort

Müssen sich messianische Juden den rabbinischen Geboten unterordnen und zum Beispiel „rabbinisch koscher“ essen?

Von Catherine Meerwein

 

Im Kern geht es bei dieser und ähnlichen Fragen darum, welche Autorität der mündlichen Tora und damit der rabbinischen Tradition zukommt. Wie ist ihr Verhältnis zur geschriebenen Tora, zum Alten und zum Neuen Testament? Stehen die Lehren des Talmud auf der gleichen Stufe?

Da diese Debatte in den vergangenen Monaten unter den messianischen Gläubigen in Israel hohe Wellen geschlagen und für hitzige Diskussionen gesorgt hatte, entschied die „Nationale Konferenz der messianischen Leiter in Israel“ Ende Januar, Gemeindeleiter und Älteste aus ganz Israel zu einem Treffen einzuladen. Neben einem Meinungsaustausch sollte der Abschnitt der messianischen Glaubenserklärung von 1990 bekräftigt werden, in dem es um die Autorität der Schrift geht. In einem zweiten Teil, zu dem alle Interessierten eingeladen waren, beleuchteten zwei messianische Leiter, Noam Hendren und Asher Intrater, das Thema aus unterschiedlichen Blickrichtungen.

 

Als Juden an Jesus glauben

Noam Hendren ging der Frage nach, wie Jesus mit der jüdischen Tradition umgegangen war. Jesus geriet immer wieder in Auseinandersetzungen mit den Pharisäern, weil er deren Lehre und Gebote nicht einhielt. Er warf ihnen mehrmals vor, sie würden durch ihre Auslegungen die Tora entstellen und verdrehen. Jesus betrachtete die pharisäische Lehre, aus der später die rabbinische Tradition entstand, nicht als autoritativ. Er erkannte sie nicht als Gottes Gebot an. Folglich kann die rabbinische Tradition nicht als autoritativ angesehen werden, nicht damals und nicht heute.

Gleichzeitig betonte Noam Hendren aber, dass die Tradition nicht ohne Bedeutung ist, wenn es darum geht, eine authentische Ausdrucksform des messianischen Glaubens als Juden und Israelis zu finden. Die jüdische Kultur ist untrennbar mit der rabbinischen Tradition verbunden, und die Kultur hat eine wichtige Brückenfunktion, wenn es darum geht, anderen Israelis von Jeschua zu erzählen. Werden die kulturellen Eigenheiten außer Acht gelassen, wird das Evangelium als etwas Fremdes empfunden. Deshalb ermutigte Noam Hendren die messianischen Juden, ihre eigene, jüdische Ausdrucksform ihres Glaubens an Jeschua zu finden.

 

Auch die Verpackung zählt

Asher Intrater stimmte mit Noam Hendren ganz überein, dass die rabbinische Tradition nicht als autoritativ angesehen werden kann. Er benutzte ein Bild, um die Bedeutung der rabbinischen Tradition für das Weitergeben der Guten Nachricht deutlich zu machen. Er verglich das Gespräch mit einem Päckchen, das aus Verpackung und Inhalt besteht. Der Inhalt sollte eindeutig aus Jeschua und den biblischen Schriften bestehen. Doch die Verpackung entscheidet mit, ob der Inhalt überhaupt angeschaut und angenommen wird. Im Kontakt mit Juden kann die rabbinische Tradition Teil der Verpackung sein.

Der Begriff „Tora“ (Gesetz) sollte nicht von Vornherein negativ besetzt sein, sonst verschließt man womöglich offene Türen. Eine positive Haltung gegenüber der Tora ist entscheidend, wenn man Juden erreichen will. Asher Intrater warnte aber auch davor, zu sehr auf die rabbinische oder jüdische Verpackung konzentriert zu sein, dass man darüber den Blick für die eigentliche Botschaft, die Gnade Jeschuas, verliert.

 

Im Anschluss an die Beiträge von Noam Hendren und Asher Intrater folgte eine offene Diskussion mit allen Teilnehmern. Dabei wurde mehrfach vor der Gefahr gewarnt, die rabbinische Autorität oder Tradition zu akzeptieren, um von jüdischen Freunden akzeptiert zu werden. Es wurde darauf hingewiesen, dass der Glaube an Jeschua unter den Juden Ablehnung hervorrufen kann und dies der Preis ist, den ein Gläubiger zu bezahlen bereit sein muss.

 

Es bleibt für die messianische Gemeinschaft eine Herausforderung, eine authentische jüdische und israelische Ausdrucksform des Glaubens an Jeschua zu finden und eine gute Art und Weise, diesen Glauben an andere Juden weiterzugeben. Wahrscheinlich wird es immer wieder strittige theologische Themen dieser Art geben, doch Konferenzen wie diese zeigen, wie die Gläubigen in Israel mit solchen Themen umgehen können und wie die Einheit des vielfältigen messianischen Leibes durch solch einen Prozess gestärkt werden kann.

 

 

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