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Messianische Strömungen

Von Hanspeter Obrist

Impulse aus der messianischen Bewegung können eine Bereicherung sein. Doch in ihrer Vielfalt fordert diese Bewegung auch heraus, ihre jeweiligen Lehren anhand der Bibel zu prüfen.

Die Theologie der messianischen Bewegung entspricht in der Vielzahl ihrer Strömungen der christlichen Theologie. Neu ist nur, dass die jüdische Identität von Jesus betont wird. Entsprechend sieht das praktische Leben von messianischen Juden sehr unterschiedlich aus. Manche messianischen Juden leben ihren Glauben in großer Freiheit, andere halten sich aus ganz verschiedenen Motiven an rabbinische Anordnungen und jüdische Formen. Wie intensiv sich jemand an den Schabbat hält, koscher isst, die jüdischen Feste feiert und die Feiertage begeht, ist sehr unterschiedlich. Ebenso, ob sich jemand öffentlich als Jude zu erkennen gibt.

Um von der messianisch-jüdischen Theologie eine Vorstellung zu erhalten, zeige ich einige tendenzielle Strömungen auf.

 

Jüdische Christen

Sie sehen ihre Identität eher in Jesus gegründet, als in einer kulturellen Form. Sie distanzieren sich von rabbinisch-jüdischen Formen und halten diese für unbiblisch. Sie betrachten sich als Teil der weltweiten universalen Gemeinde. Die verschiedenen Endzeitpläne spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist das tägliche Leben in Jesus.

 

Endzeitorientierte jüdische Christen

Diese Gruppierung orientiert sich sehr stark am Dispensationalismus und sieht alles unter dem Aspekt endzeitlicher Prophetie. Die Umkehr vieler Juden zu Jesus wird als Teil dieser Prophezeiung und als Zeichen für die baldige Wiederkunft Jesu betrachtet. Unsere Zeit wird nach dieser Anschauung mehr geprägt durch Gottes Willen mit der Weltgeschichte und weniger durch persönliche Entscheidungen.

ྒ࿠Evangelikale und charismatische messianische Juden

Die meisten messianisch-jüdischen Gruppierungen identifizieren sich mit der evangelikalen oder charismatischen Bewegung. Der Glaubensinhalt wird unterschiedlich intensiv mit jüdischen Formen und in jüdischer Kultur ausgedrückt. Die messianische Bewegung wird als Schlüssel zur Erweckung des Judentums und Christentums verstanden. Es herrscht eine große Erwartung, dass Gott etwas Außergewöhnliches tun wird.

 

National orientierte messianische Juden

Sie legen einen besonderen Wert auf den Bezug zur historischen jüdischen Urgemeinde. Die messianische Gemeinde ist deren Wiedererstehung. Sie haben oft wenig Bezug zum rabbinischen Judentum der Neuzeit, identifizieren sich aber mit dem heutigen jüdischen Staat. Gleichzeitig distanzieren sie sich von denjenigen unter den arabischen Christen, die Schwierigkeiten mit dem heutigen Staat Israel haben.

 

Traditionell jüdisch orientierte Gemeinden

Diese Richtung betont besonders die positive Haltung zur Tora (5 Bücher Mose). Sie nimmt rabbinische jüdische Traditionen auf, ohne ihnen volle Autorität anzuerkennen, und interpretiert sie in Bezug auf Jesus. Die Tora wird durch das Neue Testament neu ausgelegt.

 

Kirchenunabhängiges messianisches Judentum

Diese Bewegung will ein ausgereiftes messianisches Judentum leben, das unabhängig von der Kirche ist. Sie orientiert sich an einem konservativ jüdischen Leben und integriert Jesus als jüdischen Messias und Erfüllung der Tora. Jesus ist göttlich, aber nicht Gottheit. Die traditionelle Lehre der Dreieinigkeit wird als griechisches Gedankengut abgelehnt. Die jüdische und christliche Literatur ist von Gott inspiriert, muss aber richtig interpretiert werden.

 

Rabbinisch-messianisches Judentum

Diese Art von messianischem Judentum braucht die rabbinischen Schriften als Quelle zum Verständnis ihres Glaubens. Sie ruft auf zu einem rabbinisch orientierten Leben, in dem „unbiblische“ Teile weggelassen werden. Das Neue Testament wird mit der jüdischen Auslegetradition gelesen. Auch jüdische mystische Traditionen werden miteinbezogen.

 

Messianisch-rabbinische Orthodoxie

Diese Bewegung betont die jüdische Identität in Gott, Land, Volk und Tora. Die Tora ist der Schlüssel allen Lehrens. Auch Jeschua ist nur Messias, indem er die Tora lehrt. Sie rufen auf zur Buße, nicht im Sinne persönlicher Sühne, sondern indem sie zur Umkehr zum Bund, zu Gott, Land, Volk und zur Tora aufrufen.

 

Je nach persönlicher Prägung entspricht die eine oder andere Richtung mehr unserem Denken. Eine große Gefahr ist, dass wir einander nicht richtig zuhören. In theologischen Nebenfragen kann man unterschiedlicher Meinung sein. Zwei Punkte sind jedoch von entscheidender Bedeutung. Erstens das Bekenntnis von Thomas, als er zu Jesus sagte: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh. 20,28). Zweitens die Frage von Jesus an Petrus: „Hast du mich lieb?“ (Joh. 21,15-17).

 

 

 

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