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Die messianische Herausforderung

Von Hanspeter Obrist

 

Welche Bedeutung hat es für christliche Kirchen, dass Jesus Jude war?

Messianische Juden glauben, dass Jeschua (Jesus) der im Tenach (Altes Testament) versprochene jüdische Messias ist. Ihr kulturelles und religiöses Umfeld prägt die Ausübung ihres Glaubens, so wie jede kulturelle Umgebung weltweit auf die lokale christliche Gemeinde Einfluss nimmt. Durch die messianische Theologie fließen neue Aspekte in die theologische Diskussion ein, die über Jahrhunderte keine Beachtung gefunden haben. Dabei werden die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens aufgezeigt. Dies ist für viele eine Herausforderung, kann uns aber auch eine Bereicherung oder ein Gedankenanstoß sein.

 

Messianisches Judentum

Heute gibt es weltweit rund 80’000 jüdische Menschen, die an Jesus als ihren Messias glauben, wobei es keine offiziellen Zahlen gibt. Mehr als 60’000 leben in den USA, rund 8000 in Israel. Sie machen damit etwa ein halbes Prozent der 14 Millionen Juden weltweit aus. In den USA gibt es über 200 unterschiedliche messianische Gruppen, in Israel ca. 100. In diesen Gruppen besteht keine einheitliche Ausrichtung. Gemeinsam ist ihnen der Glaube an die Autorität der Schrift und an Jesus als den verheißenen jüdischen Messias. In anderen Dingen gibt es ganz unterschiedliche Auffassungen.

 

Das Verstummen der messianischen Theologie

Messianische Juden sind nicht etwa ein neues Phänomen, sondern die Jesus-Anhänger der ersten Stunde. Sie waren die „Urchristen“, aus denen die ersten Gemeinden entstanden. Doch in der Auseinandersetzung zwischen dem rabbinisch orientierten Judentum und der erstarkenden nichtjüdischen Kirche gerieten sie zwischen die Fronten. Ab dem 4. Jahrhundert war es kaum mehr möglich, innerhalb der jüdischen Kultur an Jesus zu glauben. An Jesus gläubige Juden waren gezwungen, ihren Glauben im Stillen zu leben oder ihrer jüdischen Kultur abzusagen und innerhalb der nichtjüdischen Kirche eine Existenz aufzubauen. Ab dieser Zeit war es mit der von den Aposteln verkündeten Freiheit von Apostelgeschichte 15 vorbei. Damit verstummte auch die jüdisch-messianische Theologie.

 

Das Erwachen der messianischen Theologie

Mit der Reformation war es wieder möglich, das Neue Testament in einer allgemein verständlichen Sprache zu lesen. So entstanden erneut jüdische Kreise, die im Stillen an Jesus glaubten und gleichzeitig Glieder der Synagogen waren. Ab dem 19. Jahrhundert erwachte auch von christlicher Seite ein Interesse an den Juden. Jesus wurde wieder als Messias der Juden entdeckt. Nach und nach gab es immer mehr „Hebräische Christen“. Diese formierten sich zu einer Gebetsgemeinschaft (1866) und zur einer englischen (1888) und internationalen (1925) Allianz. Im 19. Jahrhundert entstanden auch vermehrt hebräisch-christliche Kirchen. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es rund 250’000 messianische Juden.

 

Eine eigene Identität

Nach der Gründung des Staates Israel entstand eine neue Generation von „messianischen Juden“. Sie lebten in einem Umfeld, in dem es ganz natürlich war, sich an den jüdischen Kalender zu halten. Sie bezeichneten sich als messianische Juden, um nicht mit der negativen Geschichte der Christen identifiziert zu werden (Inquisition, Kreuzzüge, Pogrome und Holocaust). Sie versammeln sich in Gemeinden oder messianischen Synagogen und feiern ihre Gottesdienste in einer ihren Bedürfnissen entsprechenden Form mit Lesungen aus dem Tenach (AT) und dem Neuen Testament sowie mit eigenen neuen Liedern. Stets ist es ihr Bemühen aufzuzeigen, dass der Glaube an Jeschua (Jesus) eine urjüdische Angelegenheit ist.

 

Eine neue Herausforderung

Dadurch dass Jesus als Jude wahrgenommen und dargestellt wurde, entstand ein Konflikt mit den traditionellen Kirchen, die Jesus als Retter der Welt darstellen. Das Jüdische an Jesus wurde über Jahrhunderte hinweg größtenteils verdrängt. Oft war es nur Judas, der als markanter Jude in der kirchlichen Kunst dargestellt wurde. Viele Predigten konzentrieren sich auch heute auf das Neue Testament und haben kaum einen positiven Bezug zum ersten Teil der Bibel. Das führt oft zu einem spannungsvollen Verhältnis zwischen traditionellen Christen und messianischen Juden. Das messianische Gedankengut kann unser Leben bereichern, die Wurzeln des eigenen Glaubens aufzeigen und das Verständnis von Gottes Wort vertiefen. Jedoch ist auch nicht jeder Gedanke aus der messianischen Bewegung automatisch richtig. Es gilt, unser christliches und das messianische Gedankengut im Lichte der Bibel zu prüfen. So wie es die Juden in Beröa taten: „Sie forschten täglich in der Schrift, ob es sich so verhielte“ (Apg. 17,11).

 

 

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