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Der „Gottes-Leuchter“: die Menora

Von Jurek Schulz

Der Buchstabe M unseres „Israel-Alphabets“ ist der Menora gewidmet, dem siebenarmigen Leuchter. Wir folgen ihrer wechselvollen Geschichte.

Mit Reisegruppen fahre ich oft zur großen Menora, die gegenüber der Knesset, dem israelischen Parlamentsgebäude, steht. Auf 29 Reliefs werden auf dem etwa fünf Meter hohen Monument die wichtigsten Ereignisse der rund 4000-jährigen jüdischen Geschichte eindrucksvoll dargestellt. Der aus Dortmund stammende jüdische Künstler Benno Elkan (1877-1960) schuf im Londoner Exil dieses eindrucksvolle Kunstwerk, das die britische Regierung dem Staat Israel 1956 zum Geschenk machte.

Auf dem untersten Arm der Menora steht das Bibelwort: „Das ist das Wort des Ewigen an Serubbabel: Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen“ (Sach. 4,6). Die Bedeutung dieses Verses im Zusammenhang mit der Menora werde ich später noch erläutern.

Die Menora, Hebräisch für „Leuchter“, ist ein zentrales Symbol für das jüdische Volk. Seit dem 10. Februar 1949 ist sie das Staatswappen Israels. Was macht nun diesen siebenarmigen Leuchter so wichtig?

 

Der Auftrag

In 2. Mose 25–27 gab Gott Mose den Auftrag, ein Zelt der Begegnung zu errichten, zum einen für die Bundeslade und andere Gegenstände und zum anderen als Wohnung Gottes. Gott gab genaue Anweisungen, wie das Zelt und die Gerätschaften hergestellt werden sollten, darunter auch ein siebenarmiger Leuchter. Dieser sollte im Heiligtum vor der Trennwand zum Allerheiligsten, in dem sich die Bundeslade befand, durch die Nacht hindurch mit Olivenöl höchster Güte brennen. Das bedeutet, die siebenarmige Menora ist gemäß der Offenbarung Gottes entstanden.

Wir sollten sie uns jedoch nicht als Kerzenleuchter vorstellen, denn diese gab es in der Antike noch nicht. Sie war ein Ständer, auf den sieben Öllampen gestellt wurden. Dieser sollte aus einem Kikar feinsten Goldes, das sind ca. 35 Kilogramm, hergestellt werden. Der Talmud sagt, dass der Leuchter ca. 18 „Handbreit“, also ca. 130 Zentimeter, hoch war. Gott bestimmte, dass die Menora aus einem einzigen Stück getrieben und mit zahlreichen Verzierungen versehen werden sollte. Die Handwerker Bezalel und Oholiab wurden von Gottes Geist mit den nötigen Fähigkeiten ausgestattet, um dieses Kunstwerk zu fertigen (2. Mo. 31,1-11; 35,30-35).

Nicht nur die Mittel für den Leuchter, sondern alle Gegenstände für die Stiftshütte kamen durch freiwillige Opfergaben des Volkes zusammen. Das Spendenaufkommen war derart hoch, dass Mose dem Volk Einhalt gebieten musste, da die Handwerker bei weitem nicht so viel brauchten (2. Mo. 36,1-7).

Mit großer Präzision gab Gott Anweisung, wo der Leuchter und alle anderen Gegenstände im Heiligtum Israels platziert werden sollten. Mose führte alles exakt so aus, wie es ihm aufgetragen wurde, und da geschah das Wunder: Gottes Gegenwart erfüllte das Heiligtum (2. Mo. 40,1-35).

 

Wo ist das Original?

Nachdem die Israeliten in das verheißene Land gekommen waren, bereitete König David die Pläne für den Tempelbau in Jerusalem vor. Sein Sohn, König Salomo, begann ca. 967 v. Chr. mit den Bauarbeiten. Sowohl das „Zelt des Bundes“, die Stiftshütte, als auch alle Geräte kamen in den neu errichteten Tempel (1. Kön. 8,4). Doch etwas Entscheidendes veränderte sich: Während bisher nur ein Leuchter verwendet worden war, ließ König Salomo zehn Menorot (hebr. Plural von Menora) anfertigen, je fünf sich gegenüberstehende Leuchter aus feinstem Gold mit goldenen Blumen, Lampen und Lichtscheren. König David hatte seinen Sohn beauftragt, neben den goldenen noch zusätzlich silberne Leuchter für den Tempel herzustellen (1. Chr. 28,15).

Doch was passierte mit der ersten „Sinai-Menora“ von Bezalel und Oholiab? War sie unter den zehn goldenen Leuchtern von König Salomo? Diente sie als Vorbild für ihre Anfertigung und wurde anschließend an einem anderen Ort verwahrt? Wir wissen es heute nicht mehr. Ebenso wenig ist bekannt, wie die Leuchter im ersten Tempel tatsächlich ausgesehen haben.

Die Spuren der ursprünglichen Menora wurden im Verlauf der Geschichte weiter verwischt. 586 v.Chr. nahm Nebukadnezar, der babylonische Herrscher, Jerusalem ein, zerstörte den Tempel und raubte die Tempelgeräte. Der sagenhafte Reichtum des Tempels in Jerusalem gelangte in das Zweistromland des heutigen Iran/Irak.

Unter Esra und Nehemia konnte Juda ca. 536 v.Chr. aus dem Exil in Babylon in die Heimat zurückkehren. Das Volk durfte sogar 5400 der zuvor gestohlenen Tempelgeräte mitnehmen (Esra 1,7-11; 7,15 ff.). Über das Schicksal der zehn goldenen Leuchter Salomos ist leider nichts bekannt. Ob sie bei der allgemeinen Bezeichnung „Tempelgeräte“ mit einbezogen waren? Experten verwerfen diese Annahme aufgrund der Kostbarkeit der Menorot. Als unter Esra der Zweite Tempel in Jerusalem 515 v.Chr. eingeweiht wurde, war auch die Bundeslade verschwunden, wie der Prophet Jeremia schreibt (Jer. 3,16). Die Leuchter jedoch werden mit keinem Wort erwähnt.

 

Die „zweite“ Menora

Es bleiben Fragen offen. Jahrhunderte später war offenbar wieder eine Menora vorhanden. Im 1. Makkabäerbuch wird berichtet, dass der seleukidische Diktator Antiochus IV. Epiphanes 167 v.Chr. den Tempel eroberte und neben anderen Wertgegenständen den Leuchter raubte (1. Makk. 1,21). Folglich ist davon auszugehen, dass im Zweiten Tempel von Jerusalem ein einzelner Leuchter stand und nicht zehn, wie im Ersten Tempel. Woher diese Menora kam und wer sie hergestellt hat, bleibt allerdings im Dunkeln. Und noch immer wissen wir nicht, wie sie tatsächlich ausgesehen hat.

Es folgte dann der Makkabäer-Aufstand. Nach dreijährigem Kampf gelang es, den Tempel zurückzuerobern und erneut zu weihen. Dabei wird der erwähnte Leuchter wieder entzündet (1. Makk. 4,48-52). Insgesamt acht Tage lang wurde die erneute Tempeleinweihung (Chanukka) gefeiert. Dieses Fest wurde als Gebot für alle Juden auch außerhalb Israels erlassen (1. Makk. 4,53-59; 2. Makk. 1,1 ff.). Das Tempelweih- oder Lichterfest wird in Johannes 10,22 erwähnt und hat sich im Judentum bis heute etabliert.

Die Menora wurde zum entscheidenden Symbol des Chanukkafests. Da das Licht durch ein Wunder acht Tage lang brannte, begann man, nicht einen sieben-, sondern einen acht- bzw. neunarmigen Leuchter herzustellen. Der mittlere Arm ist in der Regel herausnehmbar und dient dem Entzünden der übrigen Leuchten.

Der siebenarmige Leuchter wurde zu einem Symbol der Treue Gottes, der Reinheit und der Freiheit Israels, wie sie durch die Makkabäer errungen wurde. Schon bald wurde die Menora auch auf Münzen, in Synagogen und jüdischen Grabanlagen dargestellt. In der gesamten jüdischen Welt, von Karthago bis nach Trier, breitete sich das Symbol der Menora aus und wurde zum beliebtesten Motiv für Schmuckstücke.

Doch als Antigonos, der letzte Hasmonäerkönig Israels (gest. 37 v. Chr.), Münzen mit der Menora prägen ließ, gaben die Rabbinen eine Ordnung heraus, die bis heute Gültigkeit hat: Der Profangebrauch des siebenarmigen Leuchters wurde untersagt, da sein Licht die Gegenwart Gottes symbolisiert. Als Folge jenes Erlasses wurden nur noch neunarmige Leuchter in Privathäusern und meist auch in den Synagogen dargestellt.

 

Ein Bildnis

Im Jahre 70 n.Chr. wurde Jerusalem und mit ihm der Tempel endgültig von den Römern erobert und zerstört. Unter dem römischen General und späteren Kaiser Titus (39-81 n.Chr.) kamen die Tempelschätze nach Rom. Titus’ Vater Vespasian (9-79 n.Chr.) war von der herrlichen Pracht der Beutestücke und insbesondere vom Leuchter stark beeindruckt. Er ließ daher einen neuen Tempel der Friedensgöttin in Rom bauen, um die besonderen Tempelgeräte zur Besichtigung auszustellen.

Zu Ehren des Triumphs über Jerusalem wurde der „Triumphbogen“, auch „Titusbogen“ genannt, errichtet. Darauf wurden neben der Deportation der Juden auch die Tempelschätze dargestellt. Dies ist einzigartig, weil es die allererste bildhafte Darstellung der Menora ist, wie sie im Zweiten Tempel zur Zeit Jesu stand.

Über den weiteren Verbleib der Menora gibt es zahlreiche Theorien. Was bleibt, ist ihre unvergleichliche Symbolkraft für das jüdische Volk.

 

Die Vision der Menora

Eine besondere Bedeutung hat die Menora auch in einer göttlichen Offenbarung, die der Prophet Sacharja bekam. Er sah in seiner Vision eine Menora, die von zwei Ölbäumen rechts und links umrahmt war. Auf Sacharjas Frage, was dies zu bedeuten habe, erhielt er die Antwort: „Das ist des Herrn Wort an Serubbabel: Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr Zebaoth“ (Sach. 4,6).

Doch was ist es, das so geschehen soll? Woran dachte der Künstler Benno Elkan, als er dieses Bibelwort auf die Menora schrieb, die heute vor der Knesset steht? Woran dachten die Gründerväter Israels, als sie die Menora zum Staatswappen machten und sie in Anlehnung an Sacharjas Vision mit einem Ölzweig rechts und links versahen?

Direkt ist das Wort an Serubbabel gerichtet, der vor der Herausforderung stand, den Tempel des Herrn nach dem babylonischen Exil wieder aufzubauen. Gleichzeitig wird diese Prophetie als Hinweis auf den Messias und das Reich, das er errichten wird, verstanden, vor allem auch in Verbindung mit der Prophetie in Kapitel 3. Deshalb soll der siebenarmige Leuchter nach rabbinischer Lehre erst beim Kommen des Messias wieder entzündet werden.

Die beiden Ölbäume links und rechts der Menora erklärt Gott in seiner Antwort als „die zwei Gesalbten, die vor dem Herrscher aller Lande stehen“ (Sach. 4,14). Dieses prophetische Bild weist noch weiter in die Zukunft. Es deutet hin auf Gottes Volk aus Juden und Nichtjuden, die gemeinsam den Herrn anbeten.

Die Menora erinnerte das jüdische Volk durch Höhen und Tiefen der Geschichte hindurch immer wieder an die Gegenwart Gottes und an den Messias, der (wieder) kommt.

 

 

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