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Jerusalem im Koran

 

Von Hanspeter Obrist

Es wird immer wieder behauptet, Jerusalem (auf Arabisch „Al Kuds“, d.h. die Heilige) komme im Koran vor. Hier wollen wir einigen Stellen nachgehen.

 

Gebetsrichtung

622 n.Chr. floh Mohammed aus seiner Heimatstadt Mekka nach Medina, einer Stadt mit einem bedeutenden jüdischen Bevölkerungsanteil. Dort betete er nach jüdischer Sitte Richtung Jerusalem (Dan. 6,11). Die Juden lehnten den neuen Glauben jedoch ab. So entstand ab 624 n.Chr., nach Sure 2,142-152, eine neue Gebetsrichtung (Mekka).

 

Himmelfahrt

In Sure 17,1 steht: „Preis Ihm, Der bei Nacht Seinen Diener hinweg führte von der Heiligen Moschee zu der Fernen Moschee“ (nach Ahmadeyya). Dies wird als die geistliche Himmelfahrt Mohammeds verstanden. Die „heilige Moschee“ wird allgemein in Mekka angesiedelt (siehe Sure 17,1 nach Paret und Azhar). Was jedoch mit der „fernen Moschee“ gemeint ist, wirft Fragen auf. Zur Zeit Mohammeds stand Jerusalem unter christlicher Herrschaft und war voll von christlichen Gebetsstätten. Auch auf dem Tempelplatz stand eine Kirche, die dreischiffige byzantinische Basilika St. Maria, die vom oströmischen Kaiser Justinian (527-565 n.Chr.) am südlichen Rand des riesigen Areals erbaut worden war. Palästina gehörte nach dem Koran (Sure 30,3) zu jenen Gebieten, die als „Land nahebei“ bezeichnet wurden. Daher passt der Begriff „fern“ schlecht zu Palästina.

 

Der Felsendom

Sechs Jahre nach dem Tod Mohammeds wurde Jerusalem 638 vom Kalifen Omar (Regierungszeit 634-644 n.Chr.) erobert und fiel so in den islamischen Machtbereich. Später kam in Damaskus die Omajjaden-Dynastie an die Macht (660-750). Ihr Begründer, Muawiya, ließ sich 660 zum Kalifen ausrufen. Damit kam es zur ersten Spaltung der muslimischen Gemeinschaft und zu wiederholten kriegerischen Auseinandersetzungen. Muawiya verlegte die Hauptstadt von Mekka nach Damaskus, womit Arabien politisch an Bedeutung verlor. Immerhin lagen noch die heiligen Stätten von Mekka und Medina in Arabien. Doch auch hier versuchten die Omajjaden, ein Gegengewicht zu schaffen. Dazu wählten sie Jerusalem aus, weil dort schon ein heiliger Felsen war. Sowohl Juden als auch Muslime gingen davon aus, dass dies der Stein war, auf dem Abraham seinen Sohn hätte opfern sollen. Die Juden pflegten diesen Stein während der römischen Herrschaft am Gedenktag der Zerstörung von Jerusalem mit Öl zu salben. Kalif el-Malik, der Sohn von Omar, ließ in den Jahren 688-691 über diesem heiligen Stein den Felsendom bauen

Die Idee, Jerusalem oder eben dieser Stein sei der Ausgangspunkt der Nachtreise Mohammeds gewesen, wird aus Sure 17,1 interpretiert. Diese ist unter den Koranversen im 240 Meter langen Zierstreifen des Felsendoms aber nicht enthalten. Als „ferne Moschee“ kommt der Felsendom nicht in Frage, da er gar nicht zur Moschee geweiht und erst nach dem Tod Mohammeds gebaut wurde.

 

Eine ferne Moschee wird gebaut

Wahrscheinlich rund 20 Jahre nach dem Felsendom entstand dann die al-Aqsa-Moschee („el-Masgid al-Aq­sa“, d.h. fernste Moschee). Der Sohn el-Maliks, Abd el-Walid (705-715), entweihte im Jahre 711 die Basilika St. Maria, indem er die typische Moscheekuppel auf das Dach der Kirche setzen ließ. Mit der Namensgebung nahm er Bezug auf Sure 17,1, die „ferne Moschee“. Zu diesem Zeitpunkt war Mohammed jedoch schon 79 Jahre tot.

 

Jerusalem wurde wertlos

Mit dem Untergang der Omajjadenherrschaft im Jahr 750 und dem Umzug der Kalifen-Hauptstadt nach Bagdad geriet Jerusalem in Vergessenheit. Die Kuppel des Felsendoms stürzte 1016 bei einem Erdbeben ein und wurde erst fünf Jahre später wieder aufgebaut. 1187 eroberte Saladin nach einer kurzen christlichen Herrschaftszeit Jerusalem zurück. Politisch bedeutungslos und durch die verschiedenen Eroberungen weitgehend zerstört, wurden die Stadtmauern erst durch Süleyman den Prächtigen von 1537 bis 1541 wieder aufgebaut. Das muslimische Interesse erwachte erst wieder, als 1967 Israel die Kontrolle über Jerusalem übernahm. Damit wurde der Felsendom zum Symbol des Widerstandes gegen Israel, obwohl die Hoheit über dieses Gebiet bei den Muslimen blieb. Es ist auch sonderbar, dass nur wenige muslimische Pilger nach Jerusalem kommen, und der Felsendom religiös keine Rolle spielt. Wenn Muslime beten, wenden sie dem sagenumwobenen Felsen den Rücken zu, da sie Richtung Mekka beten.

 

 

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