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Einblick ins jüdische und christliche Denken

Von Hanspeter Obrist

Die Gemeinsamkeiten in der jüdischen und christlichen Denkweise scheinen offensichtlich zu sein. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die gleichen Worte nicht unbedingt die gleiche Bedeutung haben müssen.

Zwischen dem jüdischen und christlichen Glauben besteht eine enge Verbundenheit, auf die bereits Jesus hingewiesen hat (Joh. 5,46). Juden und Christen glauben an den Gott JHWH. Gemeinsam ist ihnen auch der erste Teil der Bibel, der Tenach bzw. das Alte Testament, wobei die Juden die Tora, die fünf Bücher Mose, höher werten als die anderen Bücher.

Viele Christen sind der Meinung, das heutige Judentum durch die Bibel zu kennen, doch man sollte bedenken, dass trotz identischer Texte sehr unterschiedliche Interpretationen bestehen. Genauso wie das Christentum über die Jahrhunderte verschiedene Auslegungstraditionen entwickelte, war auch das Judentum einem Wandel unterworfen.

 

Das Menschenbild

Der jüdische Autor Dennis Prager macht in seinem Buch „Judentum heute“ folgende Aussage: „Das Christentum unterscheidet sich in drei Hauptdogmen vom Judentum: der Erbsünde, dem Zweiten Kommen und der Versöhnung durch den Tod Jesu“ (Judentum heute [„Jh“], S. 74). Weiter schreibt er: „Im Judentum ist die Erbsünde kein Problem. Die Vorstellung, dass wir als Sünder geboren wurden, ist alles andere als jüdisch. Jeder Mensch wird unschuldig geboren. Er selbst trifft die Wahl zu sündigen oder nicht“ (Jh, S. 75).Juden gehen nicht von der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur aus. Daraus folgt, dass der Mensch weder einen Messias noch eine Erlösung von der sündigen Natur braucht. Dahinter steht die Vorstellung, dass Gott einem Menschen, der Gutes getan hat, gnädig ist. Offen bleibt, weshalb dann Mose, einer der höchsten jüdischen Propheten, Gott trotzdem nicht offen begegnen konnte. Gott sagte zu ihm: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht“ (2. Mo. 33,20). Wenn nicht einmal Mose vor Gott bestehen konnte, wie soll uns das möglich sein?

Das christliche Menschenbild geht davon aus, dass die ungehinderte Beziehung zu Gott zerbrochen ist, seit die ersten Menschen daran zweifelten, dass es Gott gut mit ihnen meinte (1. Mo. 3,1-5; Röm. 5,19). Dies zeigte sich an ihrer Furcht, Gott zu begegnen, und an ihrer Flucht ins Versteck (1. Mo. 3,8). Das Leben des Menschen wurde zu einem lebenslangen Kampf gegen den Tod. So wie es heißt: „An dem Tag, an dem du davon isst, wirst du des Todes sterben“ (1. Mo. 2,17).

Jesus allein war eins mit dem Vater (Joh. 10,30). Von ihm heißt es, dass er von Gottes Geist gezeugt wurde, als ein Ausdruck davon, vom Wesen her kein Sünder zu sein. Auch konnte ihn niemand einer einzigen Sünde überführen, obwohl viele das gerne getan hätten (Joh. 8,46). So hatte der Tod auch keine Macht über ihn, und er ist am dritten Tag auferstanden. Wer sich ihm anvertraut, ist in ihm, und der Tod hat keine endgültige Macht mehr über diese Menschen (Röm. 8,39).

 

Vergebung

Zum Stichwort Sündenvergebung meint Dennis Prager: „Welche Sünden der Menschheit sollte Jesu Tod sühnen? Da die Bibel nur Juden verpflichtet, die Gesetze zwischen Gott und Menschen einzuhalten, konnte die nichtjüdische Welt solche Sünden gar nicht begangen haben. Die einzigen Sünden, die Nichtjuden begangen haben könnten, wären die Sünden gegen andere Menschen“ (Jh, S. 76). Juden verstehen es so, dass nur sie auserwählt sind, die Gebote gegenüber Gott einzuhalten. Wer nicht jüdisch ist, braucht lediglich die zwischenmenschlichen Gebote einzuhalten. Daher können Nichtjuden gegenüber Gott nicht sündigen und benötigen von ihm auch keine Vergebung. Deshalb ist für Juden das Christentum unverständlich.

Prager schreibt hierzu: „Laut jüdischer Lehre kann uns Gott selbst die Sünden gegen einen anderen Menschen nicht vergeben. Nur der Mensch oder die Menschen, die wir verletzt haben, können uns diese vergeben“ (Jh, S. 76). Nach jüdischer Auffassung mischt sich Gott nicht in die zwischenmenschlichen Beziehungen ein. Nur wer geschädigt wurde, kann vergeben. Das ist auch der Grund, weshalb nach jüdischem Verständnis für den Holocaust keine Vergebung zugesprochen werden kann, sondern man dessen nur gedenken kann. Rabbiner Chajim HaLevy Donin schreibt im Buch „Jüdisches Leben“ („JL“, S. 256): „Gott vergibt nur, wenn die gekränkte Person bereits verziehen hat.“ Das bedeutet, dass Vergebung nur geschehen kann, wenn das Opfer dazu bereit ist. Die Vergebung liegt also in der Hand des Opfers.

Im christlichen Glauben ist das umgekehrt. Jede Sünde ist auch ein Vergehen gegen Gott, weil sie gegen Gottes Anweisung verstößt (vgl. Ps. 51,6; Röm. 2,11-16). Durch die Vergebung in Jesus wird der Weg frei zur Versöhnung mit dem Nächsten. Es ist eine Besonderheit des christlichen Glaubens, dass Gott uns vergibt und uns hilft, auf den anderen zuzugehen.

 

Umkehr

Im Judentum bedeuten Buße und Umkehr etwas anderes als im christlichen Verständnis. Dennis Prager hierzu: „Der Hauptunterschied zwischen Judentum und Christentum liegt in der unterschiedlichen Bedeutung der Tat für beide Religionen. Der Gott des Judentums hält die Taten der Menschen für wichtiger als ihren Glauben; des Juden zentrale Verpflichtung ist es, in Übereinstimmung mit biblischen und rabbinischen Gesetzen zu handeln. … Dem Judentum zufolge können Menschen Erlösung durch ihre Taten erlangen“ (Jh, S. 70, 75). Der Christ verändert durch den Glauben sein Denken und damit sein Verhalten. Der Jude ändert sein Verhalten und prägt damit sein Denken.

 

Der Messias

Rabbiner Chajim HaLevy Donin schreibt über das jüdische Messiasverständnis (JL, S. 15): „Im jüdischen Denken war der Messias nie ein göttliches Wesen. Als Gottes gesalbter Vertreter ist er ein Mensch, der die politische und geistige Erlösung des Volkes Israel durch das Versammeln der Juden im Land ihrer Väter, dem Land Israel, und die Wiederherstellung Jerusalems zur einstigen Stätte geistiger Herrlichkeit herbeizuführen hat.“ Und Dennis Prager: „Der Weltfrieden muss den Messias begleiten, und wenn dieser Frieden nicht kommt, ist auch der Messias nicht gekommen“ (Jh, S. 77). Jeder politische Führer kann deshalb als Messias verehrt werden, sobald er Frieden im Nahen Osten stiftet. Juden erwarten Frieden durch einen mächtigen Menschen. Jesus hingegen geht von der Veränderung des einzelnen Menschen aus, der in seinem Umfeld Frieden stiftet (Mt. 5,9).

Für das rabbinische Judentum ist der Messias noch nicht gekommen und wird dies auch nur einmal tun. Tatsächlich mag verwirren, dass im Alten Testament nicht eindeutig davon gesprochen wird, dass der Messias zweimal kommen wird. Erst Jesus selbst hat von einem zweiten Kommen gesprochen und damit erklärt, weshalb noch nicht alle Verheißungen erfüllt sind (Joh. 14,3; Mt. 25,31; Mk. 8,38). Doch wozu wird Jesus wiederkommen? Hier gibt es heute auch unter Christen unterschiedliche Ansichten. Einige denken, er kommt, um auf Erden ein Friedensreich mit der Hauptstadt Jerusalem zu errichten. Andere erwarten, dass er gemäß dem apostolischen Glaubensbekenntnis zum Gericht erscheint, und darauf die Ewigkeit folgt.

 

Leben nach dem Tod

Dem jüdischen Denken ist die Vorstellung über eine jenseitige Existenz fremd. Ihre Hoffnung richtet sich auf das kommende Königreich auf dieser Erde. Juden glauben, die Seele ruhe, bis sie auf dieser Erde von den Toten aufersteht (Dan. 12,2). Einige wiederum sind der Meinung, sie wandere durch verschiedene Lebewesen, bis sie sich für die Auferstehung im kommenden Königreich würdig erweist.

Jesus wirbt im Neuen Bund für eine untrennbare Gemeinschaft mit Gott in alle Ewigkeit. Laut Römer 8,39 kann uns nichts scheiden von der Liebe Gottes, nicht einmal der Tod. Auch heute gilt dieses Angebot von Jesus Juden und Nichtjuden, dass jeder, der ihm sein Leben anvertraut, unmittelbar ewiges Leben empfängt (Joh. 3,15-16; Röm. 6,7-10).

 

Das Ursprüngliche entdecken

Juden wie Christen haben durch ihre Auslegungstradition zusätzliche Lehren entwickelt, welche zentrale Aussagen in den Hintergrund drängen können.

Jesus sagte seinen Zuhörern: „Wenn ihr Mose glaubtet, so würdet ihr mir glauben, denn er hat von mir geschrieben“ (Joh. 5,46). ྒ

 

„Judentum heute“, Dennis Prager und Joseph Telushkin, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1993.

„Jüdisches Leben“, Rabbiner Chajim HaLevy Donin, Zionistische Weltorganisation Thora Erziehungs- und Kulturabteilung für die Diaspora, Jerusalem 1987.

 

 

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