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Jom Kippur – Der Versöhnungstag

Von Hanspeter Obrist

 

Wie alle Tage im jüdischen Kalender beginnt der Versöhnungstag am Vorabend des eigentlichen Feiertages, des 10. Tischri. Er bezieht sich nicht auf historische Ereignisse oder Gegebenheiten wie Saat und Ernte, sondern allein auf das Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer, vor dem er sein Leben und auch das seiner Mitmenschen zu verantworten hat.

 

Gottesverhältnis

In der rabbinischen Lehre wird über den Jom Kippur gesagt: «Sünden zwischen Menschen und Gott sühnt der Jom Kippur, Sünden zwischen den Menschen sühnt er nicht.» Es ist ein Tag, an dem es einzig um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch geht. Deshalb muss sich der Mensch vorher selbst Hoffnung auf das Heil schaffen, bevor er Heil von seinem Gott erwarten darf. Darum bewegt ihn die Frage: Wurde alles an- und ausgesprochen, was zu sagen und zu bekennen notwendig war? Der religiöse Jude weiß, dass Sünde die tödliche Bedrohung des Lebens ist. Als Zeichen der Buße tragen die Männer ihr eigenes, für ihren Tod vorgesehenes weißes Totengewand oder den Gebetsmantel (Tallit) in der Synagoge.

 

Abendgottesdienst

Der Vorbeter beginnt den längsten aller Abendgottesdienste mit der Einstimmung und dem feierlichen Gesang des Kol Nidre (Hebräisch für «alle Gelübde»). Sein Inhalt ist die Bitte, dass Gott die hier Versammelten von allen Gelöbnissen befreien möge, die man in der Not oder in der Freude, in Sehnsucht und Erwartung oder in Angst und Verzweiflung vor Gott ausgesprochen hat und dann doch nicht halten konnte. Dabei sind nur die Gelübde gemeint, die zwischen dem Menschen und Gott abgelegt wurden und die keine Rechte und Ansprüche eines anderen Menschen berühren. Die Gläubigen werden mit dem Ruf des Schofars aus der Synagoge entlassen.

 

Fastentag

Jom Kippur ist der strengste Fastentag im jüdischen Jahr. Vom Fasten sind nur Schwerkranke, kleine Kinder und Wöchnerinnen ausgenommen. Alle anderen haben sich an das strenge Fastengebot zu halten. Sie dürfen sich weder baden noch gründlich waschen, keine Kosmetika oder Körperpflegemittel benutzen, sich keinen Genuss gönnen und weder Lederschuhe noch luxuriöse Kleidung tragen.

 

Morgengottesdienst

Im Morgengottesdienst kommt Jesaja 58 zur Sprache, wo die eigentliche, von Gott gewollte Bedeutung des Fastens aufgezeigt wird. In den Zusatzlesungen geht es um die Einsetzung des Versöhnungstages für Israel und den hohepriesterlichen Dienst in der Stiftshütte (3. Mose 16).Auf diese Weise wird in der jüdischen Gemeinde die Erinnerung an den Tempel und seinen Sühnedienst mit den Tieropfern wach gehalten. Es musste Leben geopfert werden, damit Gott Leben erhalten konnte. Es musste Blut vergossen werden, damit der Mensch und das Volk Israel wieder rein wurden von ihren Sünden.

 

Opferdienst

Zur Zeit des Tempels wurde ein Ziegenbock für die unerkannten Sünden des ganzen Volkes geopfert (3. Mose 16; Hebr. 9,7).An Stelle des dreimaligen Opferdienstes im Tempel trat der dreimalige Gebetsdienst. In der Entwicklung und Entfaltung der rabbinischen Lehre sieht der modern religiöse Jude eine Überwindung des Tempel- und Opferdienstes. Für ihn gilt, dass der Mensch, der Sühne schafft, auch Versöhnung empfängt. Deshalb bedürfe es für Israel keines stellvertretenden Sühneleidens durch einen Erlöser. So endet der Jom Kippur mit der Vergebungshoffnung, aber nicht mit Vergebungsgewissheit. Denn es heißt im Talmud: «Die Sühne erfolgt nur durch das Blut» und in 3. Mose 17,11: «Das Blut ist die Versöhnung, weil das Leben in ihm ist.» Darauf verweist auch der Hebräerbrief im Neuen Testament: «Ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung» (Hebr. 9,22). In Jeschua, dem Messias, erfahren wir den Zuspruch: «Dir sind deine Sünden vergeben!» (Mt. 9,2). Offen bleibt, ob die Christen in ihren Gottesdiensten die tiefe Betroffenheit über die persönliche Schuld noch erleben, in der die schmerzhafte Reue und der ehrliche Wille zur Umkehr Ausdruck finden, wie dies beim jüdischen Volk am Jom Kippur der Fall ist.

 

Vergebungsgewissheit

Vergebungsgewissheit erhalten wir nur durch Gott selbst. Vergebung können wir nicht produzieren, wir erhalten sie allein in der Beziehung zum Messias. Dieser hat seine Jünger beauftragt, bußfertigen Menschen in seinem Namen Sündenvergebung zuzusprechen (Joh. 20,23; 1. Joh. 1,7- 9). Deshalb kann der religiöse Jude ohne den Glauben an Jeschua, den Messias, nicht zur Vergebungsgewissheit gelangen. Der Gottesdienst in der Synagoge schließt mit dem Schema Israel Gebet («Höre Israel» nach 5. Mose 6,4) als Ausdruck der Vergebungshoffnung. Wenn sich die Tore des Jom Kippur schließen, dann werden nach rabbinischer Tradition auch bei Gott die Bücher über die Schicksale der Menschen geschlossen. Messianische Juden beten am Jom Kippur in besonderer Weise um die Errettung des jüdischen Volkes. Wenn auch jetzt schon viele einzelne Juden zum Glauben an den Messias finden, so warten wir noch auf den Tag, an dem ganz Israel den Messias anerkennen wird (Sach. 12,10; Röm. 11,25-26; Offb. 1,7).

 

© amzi Reinach

Weitere Texte finden Sie im Buch „Feste Israels“, Brunnen Verlag Basel, Hanspeter Obrist

Bestellung amzi Postfach, CH-4153 Reinach / www.amzi.org

 

 

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