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Der Botschafter der Hoffnung für Israel und die Nationen

von Jurek Schulz

 

Nicht ohne Grund wurde der Prophet Jesaja in der hebräischen Bibel, dem sogenannten Alten Testament, unter den Prophetenbüchern an erster Stelle eingeordnet.

Die Zeit seines Wirkens kann dabei nicht ausschlaggebend gewesen sein, denn Hosea und Joel traten vor ihm auf. Jesaja ist auch nicht das umfangreichste Buch der Propheten; Jeremia schrieb noch mehr. Was also könnte der Grund für diese Einordnung gewesen sein? Nicht das „Wann“ oder „Wie viel“ hat ihn zum ersten der Propheten gemacht, sondern der Inhalt seiner vielfältigen und detaillierten Prophezeiungen.

 

Was wissen wir über Jesaja?

Sein Name bedeutet „Heil Jahwe“ oder „Gott rettet“. Jesaja war verheiratet mit einer Prophetin, und sie hatten zwei Söhne (Jes. 7,3; 8,3.18). Nach jüdischer Überlieferung war sein Vater ein Bruder des Königs Amaziah und entstammte folglich dem Königsgeschlecht Davids1. Sein Vater Amoz darf nicht verwechselt werden mit dem Propheten fast gleichen Namens, Amos.

Jesajas Dienst fiel in eine Zeit ungewöhnlich vieler judäischer Könige. Er erlebte die Könige Usija, Jotam (Jes. 1,1), Ahas (Jes. 7,3; 14,28) und Hiskia (Jes. 20,1 ff.; 36 – 39). Nach jüdischer Überlieferung starb er unter König Manasse. Weil er behauptete, Gott gesehen zu haben (Jes. 6), wurde er in einen Baum gesteckt und durchgesägt (2. Kön. 21,16; vgl. Hebr. 11,37).

Jesajas Berufung erfolgte im Todesjahr von König Usija ca. 736 v. Chr. (Jes. 6,1). Da der Prophet bis in die Zeit König Manasses wirkte, können wir annehmen, dass er bis ca. 696 oder sogar 680 v. Chr. tätig war. Wegen unterschiedlicher Berechnungen über die Regierungszeiten der Könige kann Jesajas Wirkungszeit nicht exakt festgelegt werden, je nach Variante kommt man auf 40 bis 60 Jahre. Für die längere Dauer spricht, dass Jesaja nicht nur den Angriff Sanheribs um 701 v. Chr. persönlich miterlebte (Jes. 36-39, 2. Kön. 18,13), sondern höchstwahrscheinlich sogar dessen Tod ca. 681 v. Chr. (Jes. 37,37-38).

 

Das Buch Jesaja

Das Buch Jesaja kann in drei Teile eingeteilt werden: Die Kapitel 1–35, 36–39 und 40–66. Das Hauptthema des ersten Teils ist die Gerichtsandrohung gegen das Südreich Juda. Nach einer Blütezeit unter König Usija drohte Juda ein ähnliches Schicksal wie dem Nordreich Israel: Dieses war von Assyrien erobert und die Bevölkerung ins Exil zerstreut worden. Die Menschen in Juda mögen sich gefragt haben: „Was ist geschehen? Wo ist der Gott der Väter? Ist Er seinem Bund untreu geworden? Das ist doch unmöglich!“

Jesaja gibt in Gottes Auftrag Antwort auf diese Fragen. Der Grund für die Schwierigkeiten, die das auserwählte Volk trafen und bedrohten, lag nicht in Gottes Untreue: Nicht Gott hatte sein Volk verlassen, aber das Volk seinen Gott!

Die menschliche Untreue bestand in Juda nicht in Götzendienst im engeren Sinn, aber der Glaube an Gott war allmählich zu einer verwässerten Religion geworden. Eine traditionalistische Art des Gottesdienstes, basierend auf Formalismus, war an die Stelle von echter Anbetung und Gottesfurcht getreten. – Kennen wir so etwas nicht auch heute noch? – Gott musste daher in neuer Weise zu seinem Volk reden, ihm die Sünden klar machen und es vor der Bestrafung warnen. Diese ersten 35 Kapitel sind zwar vereinzelt von Hoffnungsstrahlen durchdrungen, doch Gerichtsworte bilden den Schwerpunkt. Der erste Teil von Jesaja ist voller Warnungen nicht nur an Juda, sondern auch an die Nachbarländer.

Der zweite Teil von Jesaja ist kurz gehalten (Kapitel 36-39). Hier finden wir geschichtliche Ereignisse und dann zum Schluss die Prophezeiung des babylonischen Exils für Juda, rund 170 Jahre bevor es eintrat.

Der dritte Teil des Buches Jesaja (Kapitel 40-66) unterscheidet sich deutlich von den ersten beiden. Das Leitmotiv dieses Teils ist Gottes Trost, basierend auf Hoffnung. Gottes Endziel mit uns Menschen ist ja nicht Verurteilung oder gar Vernichtung. Nicht dazu wurde der Mensch geschaffen. Gott ist voller Liebe, will erretten, erlösen. Das ist der rote Faden, der sich durch diese Kapitel zieht. Und wie kann das geschehen? Durch den Messias! Dieser gesamte dritte Teil von Jesaja ist messianisch geprägt.

 

Eine Einheit

Bis zur Entstehung der christlichen Bibelkritik wurde nicht angezweifelt, dass das Buch Jesaja von einer einzigen Person verfasst wurde. Doch dann kam die Idee auf, dass die Kapitel 40-66 von einem anderen Verfasser, einem „Deutero-Jesaja“, geschrieben worden seien, weil sich dieser Teil so deutlich von den anderen Kapiteln unterscheidet.

Meiner Meinung nach sprechen folgende Gründe gegen diese These. Der Ausdruck „Der Heilige Israels“ kommt im Alten Testament 31-mal vor, davon 25-mal im Buch Jesaja, aufgeteilt auf zwölfmal in den Kapiteln 1-39 und dreizehnmal in den Kapiteln 40-66. Dies deutet für mich auf einen einzigen Verfasser.

Paulus war fraglos ein Gelehrter des Tenach (AT). Er erwähnt im Römerbrief Verse aus dem ganzen Jesaja-Buch (11,1; 53,1; 65,1). Dies halte ich für ein Indiz, dass Paulus das Buch als Einheit verstand.

Besonders deutlich in Frage gestellt wurde die Deutero-Jesaja-Theorie allerdings durch die Qumran-Funde im Jahr 1947. In den Höhlen am Toten Meer wurde neben vielen anderen biblischen Schriften auch eine vollständige Jesaja-Rolle gefunden. Sie war über 2000 Jahre alt und stammt somit aus vorchristlicher Zeit. Heute ist sie in Jerusalem im „Schrein des Buches“ ausgestellt. In dieser Schriftrolle beginnt die erste Zeile des 40. Kapitels in derselben Spalte, in der das 39. Kapitel geendet hat. Kann es einen besseren Beweis geben, dass damals niemand an der Einheit der 66 Kapitel zweifelte?

 

Der Erlöser

Die Idee mancher Wissenschaftler, ab Kapitel 40 müsse ein anderer Verfasser am Werk gewesen sein, ist trotzdem leicht nachvollziehbar. Wie erwähnt beginnt dort ein inhaltlich völlig neuer Abschnitt. Der Verfasser wechselt nicht direkt das Thema, aber man könnte sagen, er verändert die Richtung seiner Prophezeiungen. Mehr und mehr konzentriert sich alles auf die Erlösung durch einen Messias.

Eine Liste der Prophetien über den Messias sowie deren Erfüllung findet sich in praktisch allen Bibellexika und Kommentaren. Deshalb möchte ich mich auf das außergewöhnliche Kapitel 53 konzentrieren, den Diamanten in der Krone von Jesajas messianischen Prophezeiungen. Sie beginnt eigentlich schon in Jesaja 52,13 und enthält eine derart klare Beschreibung des Messias, seiner Aufgabe, seiner Persönlichkeit, seines Schicksals und seiner Belohnung, dass es geradezu atemberaubend ist. Die Prophetie umfasst buchstäblich Krippe und Kreuz, Tod und Auferstehung. Das bedeutet: Jeschua (Jesus), der Messias, fiel nicht plötzlich und völlig unerwartet vom Himmel. Nein, er war und ist der lange angekündigte und erwartete Messias – der Herr und Erlöser der Juden wie auch der Nichtjuden.

 

Das jüdische Verständnis

Wenn das alles doch so klar ist, warum werden die messianischen Stellen und insbesondere Jesaja 53 von jüdischen Gelehrten nicht auf den Messias hin ausgelegt? Ist es damit getan, wie von christlicher Seite oft argumentiert wird, die Juden seien halt blind und könnten die messianischen Stellen nicht erkennen? Hüten wir uns vor geistlichem Hochmut. Denn die Ablehnung der messianischen Deutung ist eine Reaktion auf den christlichen Antisemitismus. Bis ins dritte Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurde Jesaja 53 eindeutig auf den Messias hin gedeutet. Sowohl in der jüdisch-aramäischen Auslegung, dem Targum Jonathan, als auch im babylonischen Talmud2. Doch 1096 n. Chr. kam der endgültige Bruch und die Distanzierung von der Lehre, Jesaja 53 auf den Messias hin auszulegen. Was war geschehen?

Rabbi Schlomo ben Jizchak, genannt Raschi (1040-1105), war der bedeutendste Talmud- und Tora-Gelehrte seiner Zeit. Bis heute sind seine Bibelerklärungen weltweit hoch geschätzt und in Gebrauch. Nachdem er in Mainz und Worms studiert hatte, kehrte er in seine Heimat, Troyes in Frankreich, zurück und lehrte dort. Sein letztes Lebensjahrzehnt war geprägt von Massakern an Juden im Zusammenhang mit dem Ersten (christlichen) Kreuzzug. Viele seiner Freunde und Verwandten starben. Als Reaktion darauf entwickelte er eine „Märtyrertheologie“, indem er mit Bezugnahme auf Jesaja 53 erklärte, es handle sich bei dem „Knecht Gottes“ um das jüdische Volk. Das jüdische Volk leide stellvertretend für die Völker und werde dadurch zu einem Licht für die Nationen.3 Tatsächlich wird Israel/ Jakob in den Kapiteln 41-53 mehrmals als „Knecht“ bezeichnet (z.B. 43,10; 44,21).

Über diese Auslegung besteht in der jüdischen Theologie bis heute Konsens4, wenn auch mit verschiedenen Ausprägungen. Rabbi Josef Kara (1065-1135), ein Schüler Raschis, erklärte, der Ausdruck „Diener Gottes“ bedeute, dass Israel sich im Exil befinde. Rabbi Samuel Ben Abraham Laniado (gestorben 1605), ein großer Bibel-Kommentator, bezog Jesaja 53 auf die „gerechten Diener Gottes“ des jüdischen Volkes. In jüngerer Zeit ergaben sich neue Schwerpunkte in der Auslegung, etwa durch Rabbi Aryeh Kaplan (1934-1983), der erklärte, es handle sich beim leidenden Gottesknecht um die sechs Millionen während der Shoa in der Nazi-Zeit Getöteten.5

Leider ist bis heute außerhalb der jüdisch-messianischen Bewegung Jesaja 53 nie wieder im messianischen Sinne ausgelegt worden. Auch wird dieses Kapitel bei der wöchentlichen Haftara-Lesung in der Synagoge ausgelassen, genauso wie die meisten anderen messianischen Stellen.

Um jüdische Menschen dennoch auf die Bedeutung von Jesaja 53 hinzuweisen, haben sich verschiedene jüdisch-messianische Organisationen zusammengeschlossen, um diese Botschaft bekannt zu machen. Auf einer Webseite (isaiah53.com) kann das Buch „Jesaja 53 erklärt“6 in verschiedenen Sprachen kostenlos bestellt werden. In einem Video erzählt ein israelischer Jude, wie Jesaja 53 sein Leben verändert hat, weil er erkannte, dass Jeschua für ihn gestorben war. Darauf zielen alle messianischen Prophetien Jesajas: zu zeigen, dass Jesus der verheißene Messias ist.

 

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1 The Living Nach, A New Translation Based On Traditional Jewish Sources, Later Prophets, Moznaim Publishing Corporation, Brooklyn New York, 1995, S. 1.

2 Das Targum Jonathan aus dem 3. o. 4. Jhd. identifiziert Jes. 53, 4ff eindeutig auf den Messias; Michael Hilton, Wie es sich christelt, so jüdelt es sich. 2000 Jahre christlicher Einfluss auf das jüdische Leben, JVB-Berlin, 2000, S. 122.

Synhedrin 98b zu Jes. 53,4ff der Messias ist wie der „Aussätzige des Lehrhauses“ denn es heißt: Unsere Krankheit hat er getragen…; Lazarus Goldschmidt, Der Babylonische Talmud, Bd. IX, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1996, S. 73.

3 Michael Hilton, Wie es sich christelt, so jüdelt es sich. 2000 Jahre christlicher Einfluss auf das jüdische Leben, JVB-Berlin, 2000, S. 124.

4 Michael L. Brown, Answering Jewish Objections to Jesus Volume Three, Baker Books, Grand Rapids, 2006, S. 40-86.

5 The Living Nach, A New Translation Based On Traditional Jewish Sources, Later Prophets, Moznaim Publishing Corporation, Brooklyn New York, 1995, S. 131.

6 Mitch Glaser, Isaiah 53 Explained, This chapter will change your life, Chosen People Productions, 2010.

 

 

Stelle im Buch Jesaja

Schilderung

Erfüllt im NT

7, 13-14

Er wird von einer Jungfrau geboren

Matth. 1, 18-25

8, 14-15

Viele stolperten über ihn

Röm. 9, 31-33

9, 1-8

Er beginnt seinen Dienst in Galiläa

Matth. 4, 12-16

11,1

Er ist ein Zweig Isais (nozer = Nazarener)

Matth. 2, 23

11, 2

Er besitzt den Heiligen Geist

Matth. 3, 16-17

11, 10

Erlöser der Welt, Nachkomme König Davids

Röm. 1, 3

25, 8

Er besiegte den Tod

1. Kor. 15, 54

28, 16

Verworfen, doch wurde er der Eckstein

1. Petr. 2, 6-8

33, 22

Er ist Richter und Gesetzgeber

Joh. 5, 30

35, 5-6

Er vollbringt Wunder und heilt Kranke

Matth. 11, 3-6

40, 3

Ein Bote geht ihm voran

Matth. 11, 10

42, 2-3

Er ist sanft und milde

Matth. 12, 18-20

49, 6

Er wird auch Messias der Heiden sein

Matth. 12, 21

50, 6

Der Messias wird geschlagen werden

Matth. 26, 67

52, 13

Der Messias wird erhöht werden

Apg. 5, 31

55, 3-4

Ein stiftet einen neuen, ewigen Bund

Matth. 26, 28

59, 16

Der Messias ist rechte Arm Gottes

Joh. 12, 38

59, 16

Der Messias ist der Mittler zu Gott

Hebr. 9, 15

60, 1-3; 6

Weise Menschen beten ihn an

Matth. 2, 1; 2, 11

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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