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Die geschichtlichen Wurzeln des Nahost-Konflikts

 

Von Hanspeter Obrist

Der Nahe Osten gehörte seit 1517 zum osmanisch-türkischen Reich und war lange Zeit weltpolitisch bedeutungslos. Erst mit der Belagerung von Akko und der kurzen Eroberung von Haifa 1799 durch Napoleon rückte der Nahe Osten in das Bewusstsein der damaligen Weltbevölkerung. Plötzlich sah England den ungehinderten Zugang über den Nahen Osten zu seinen Kolonien in Indien bedroht.

 

England baut zusammen mit Preußen seinen Einfluss aus

England versuchte seinen Einfluss auf den Nahen Osten auszubauen und eröffnete als erstes europäisches Land 1838 ein Konsulat in Jerusalem. Der englische Außenminister Lord Palmerston schrieb 1840 in einem Brief an den Botschafter in Konstantinopel: „Unter dem jüdischen Volk entsteht immer mehr die Ansicht, dass die Zeit gekommen ist, nach Palästina zurückzukehren. Ich rate daher der türkischen Regierung dringlich, die europäischen Juden zur Einreise nach Palästina zu ermutigen.“ 1841 gründeten England und Preußen zusammen ein Bistum Jerusalem.

1857 entstand im britischen Außenministerium der Plan, Juden in Palästina anzusiedeln, um die Landwirtschaft des Landes zum Blühen zu bringen. So wuchs 1860 das erste jüdische Viertel außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem. Gleichzeitig gründeten 1869 deutsche „Templer“ eine Kolonie in Haifa, später in Jaffa und Jerusalem. Die Templer wollten die Wüste zum Blühen bringen und die Wiederkunft des Messias vorbereiten. Am 17. November 1869 wurde unter britischer Kontrolle der Suezkanal eröffnet. Damit veränderte sich der Handel mit der englischen Kronkolonie in Indien.

 

Veränderungen in Europa

Durch die Verfassungsänderung am 16. April 1871 im Deutschen Reich wurden über Nacht vorerst die Beschränkungen für Juden nichtig. In dieser Zeit fingen auch die grausamen Pogrome (Verfolgungen) in Russland unter dem Zar Alexander III an. Ein Massenexodus aus Russland begann. Doch die meisten Juden wollten nach Amerika auswandern und nicht in den Nahen Osten. Mit der ersten Alija (Immigration nach Israel) 1882 bis 1904 kamen nur rund 24 000 Juden in den Nahen Osten.

 

Die Suche nach einer Heimstätte

Am 2. Mai 1860 wurde Theodor Herzl in Budapest geboren. 1896 veröffentlichte er das Buch „Der Judenstaat“ und entwarf damit einen Lösungsvorschlag für die Judenfrage. 1897 berief Theodor Herzl den ersten Zionistenkongress in Basel ein. Das Ziel war die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Während des sechsten Zionistenkongresses in Basel (23.-28. August 1903) schlug Theodor Herzl das von der britischen Regierung angebotene Uganda als mögliche Heimstätte für die aus Osteuropa fliehenden Juden vor. Aufgrund des heftigen Protests seitens der russischen Juden zog er den Vorschlag wieder zurück. Durch die Pogrome in Russland setzte die zweite Einwanderungswelle in den Nahen Osten ein (1904 -1914). Mit internationaler jüdischer Hilfe kauften die Immigranten Land von verschiedenen arabischen Großgrundbesitzern auf.

 

Zwei Versprechen an zwei Völker

Mit dem Eintritt der Türkei in den Ersten Weltkrieg 1914 gaben die Briten ihre bisherige Zurückhaltung gegenüber dem ehemaligen Osmanischen Reich auf. Sie wurden gegen die Türkei aktiv, indem sie den Großscherif Hussein von Mekka zu einem arabischen Aufstand gegen die Türken ermutigten. Als Belohnung versprachen sie ein unabhängiges großarabisches Reich.

Entgegen diesem Versprechen einigten sich jedoch 1916 der britische und der französische Unterhändler in Geheimverhandlungen über folgende Aufteilung des Osmanischen Reiches nach Beendigung des Ersten Weltkrieges: Frankreich erhielt Syrien und den Libanon, Großbritannien verwaltete das Gebiet des heutigen Israel, Jordanien und Irak (Sykes-Picot-Abkommen). Dadurch waren die Verbindungen zu den Kronkolonien in Indien und der Zugang zu den neu erschlossenen Rohölvorkommen im Golf gesichert. Die arabische Bevölkerung hingegen fühlte sich betrogen.

Gleichzeitig bildete sich 1915 aufgrund eines Aufrufes von Joseph Trompledors innerhalb weniger Tage eine Kampftruppe mit 500 europäischen Juden. Die „Jüdische Legion“ gilt als erste jüdische Streitmacht seit der Vertreibung Israels durch die römische Besatzung im ersten Jahrhundert n.Chr. Sie kämpfte im Ersten Weltkrieg unter britischem Oberbefehl für die Befreiung Palästinas aus der Hand der Türken.

Am 2. November 1917 erklärte der britische Außenminister Lord Balfour gegenüber Baron Lionel Rothschild den Juden das Recht auf die Rückkehr nach Palästina: „Die Regierung seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Ziels zu erleichtern, wobei wohlverstanden nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden, nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte“.

 

Verschiedenste Erklärungen

Am 8. Dezember 1917 zog der britische Feldmarschall Allenby in Jerusalem ein. In einer gemeinsamen Regierungserklärung sicherten Briten und Franzosen 1918 der arabischen Bevölkerung die Unabhängigkeit zu. Die politische Zukunft Palästinas blieb dabei allerdings unklar.

Mit dem Vertrag von Versailles wurde am 11. img403November 1918 der erste Weltkrieg beendet. 1919 stellte der Völkerbund den Grundsatz der Selbstbestimmung für die Bewohner von Palästina auf. In Damaskus rief 1919 der erste syrische Nationalkongress einen großsyrischen Staat aus, der die heutigen Gebiete Syrien, Libanon, Jordanien und Israel umfasste.

Durch eine Vereinbarung der Nachkriegskonferenz erhielt Großbritannien 1920 vom Völkerbund ein Mandat für Palästina, welches die „Balfour-Erklärung“ einschloss. Die Bevölkerung Palästinas war zu diesem Zeitpunkt zu 90 Prozent arabisch-palästinensisch (600000 Palästinenser, 70 000 Juden). Der Völkerbund teilte 1922 das britische Mandatsgebiet in Transjordanien und Palästina.

 

 

 

 

 

Ein arabischer Staat entsteht

img502Transjordanien wurde am 15. Mai 1922 formal ein unabhängiger Staat unter britischer Kontrolle. Damit sahen viele Juden die Versprechungen der Briten an die Araber als erfüllt an. Der Rest des Gebietes blieb unter britischer Herrschaft. 1923 wurden die Golanhöhen französisches Mandat. Doch immer wieder kam es im Mandatsgebiet zu Unruhen.

Am 17. Mai 1939 versprach Großbritannien im MacDonald-Weißbuch den Arabern Palästinas innerhalb der nächsten zehn Jahre die Unabhängigkeit. Die jüdische Einwanderung wurde für die nächsten fünf Jahre auf 75 000 beschränkt. So hatten die Juden während des zweiten Weltkrieges (1939-1945) kein Land, in das sie flüchten konnten. Am 22. März 1946 beendeten die Briten ihr Mandat über Transjordanien.

 

 

 

 

Aufteilung des restlichen Mandatsgebiets

img90302Das Flüchtlingsschiff „Exodus“ mit 4500 Holocaustüberlebenden wurde im September 1947 gezwungen, nach Hamburg zurückzufahren. Diese Aktion löste weltweite Kritik an der Palästinapolitik der britischen Mandatsregierung aus. Großbritannien übertrug die Lösung des Palästinaproblems den Vereinten Nationen. Die 1945 gegründete UNO beschloss am 29. November 1947 in der Resolution 181 (II) mit 33 Ja-, 13 Nein-Stimmen und zehn Enthaltungen die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat, die Internationalisierung Jerusalems sowie eine Wirtschaftsunion der beiden Staaten. Die jüdische Gemeinschaft akzeptierte den Teilungsplan, die arabischen Staaten lehnten ihn ab.

 

 

 

 

Nur ein Staat entsteht

Am 14. Mai 1948 verließen die letzten britischen Truppen das palästinensische Mandatsgebiet. David Ben-Gurion rief im städtischen Museum von Tel Aviv – gestützt auf den UNO-Teilungsbeschluss – den unabhängigen Staat Israel aus. Fünf arabische Staaten griffen daraufhin Israel an. Dieser Krieg endete 1949 mit einem Waffenstillstand. Jordanien gliederte Hebron und Nablus seinem Königreich an, Ägypten nahm den Gazastreifen an sich.

Am 11. Mai 1949 wurde Israel in die Vereinigten Nationen aufgenommen. Jerusalem wurde am 6. Januar 1950 zur Hauptstadt erklärt. Ab 1950 erhielt jeder Jude die Berechtigung, nach Israel einzuwandern. Eine Masseneinwanderung aus arabischen und europäischen Ländern nach Israel setzte ein. Am 24. April 1950 verleibte König Abdullah I von Jordanien unter grossem Protest der Arabischen Liga das Westjordanland und Ostjerusalem offiziell seinem Königreich ein. Damit war die UNO-Resolution vom 29. November 1947 gegenstandslos geworden. Jedoch kehrte damit keine Ruhe ein.

 

 

Fortsetzung der Geschichte

 

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