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Die Herrschaft des «geistlichen Israel»

(3.-17. Jahrhundert)

 

Von Hanspeter Obrist

Ab dem 3. Jahrhundert betrachtete sich die Kirche immer mehr als das neue Israel. Origenes (185-254) sagte: «Die Juden könnten niemals ihre vorherige Stellung wiedererlangen, denn sie haben ein Verbrechen der abscheulichsten Art begangen, indem sie sich gegen den Erlöser der menschlichen Rasse verschworen haben.» Man behauptete, dass die Juden für die Kreuzigung Jesu verantwortlich seien, deshalb hätten sie ihre Stellung als Gottes Volk verspielt.

Schon 306 erließen die Kirchenführer in Evira ein Dekret, dass jede engere Beziehung zwischen Christen und Juden untersagte. Die biblischen Feiertage durften nicht mehr nach dem jüdischen Kalender gefeiert werden, sondern an neu festgelegten Terminen. 313 anerkannte Konstantin nach seiner Bekehrung 312 das Christentum. Damit begann ein «Siegeszug» des Christentums. Weil dieses Christentum sich als das neue «geistliche Israel» sah, ging die Sicht für einen jüdischen Staat im Nahen Osten verloren.

 

Versuch eines Tempelbaus

Unter Kaiser Julian brachen 325 die jüdischen Bewohner Jerusalems den römischen Tempel in Jerusalem ab, um den jüdischen Tempel wieder aufzubauen. Das Vorhaben wurde aber von den nachfolgenden christlichen Kaisern von Byzanz verhindert. Der Tempelberg blieb bis 614 als Zeichen «des Gottesgerichts an den Juden» Brachland inmitten einer Stadt voller Kirchen.

 

Untergang der messianischen Bewegung

Ende des 4. Jahrhunderts endete die eigenständige Tätigkeit der messianischen Bewegung. In der Synagoge wurden messianische Juden nicht mehr als Juden anerkannt und ausgeschlossen. In der christlichen Kirche wurden sie hingegen gezwungen, sich zwischen ihren jüdischen Wurzeln und ihrem christlichen Glauben zu entscheiden. Judenchristen gab es in den Augen der Kirche nicht. So blieb ihnen nur die Integration in der Synagoge oder in der Kirche.

Am 28. Februar 380 wurde durch Theodosius das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Was für die Christen positiv schien, bedeutete aber gleichzeitig die Aufhebung der Religionsfreiheit. Viele Juden sahen keine andere Möglichkeit, als Richtung Osten zu fliehen.

 

Rückkehr der Juden

Nach der Teilung des Römischen Reiches 395 kam Jerusalem zum Oströmischen Reich. Erste Juden siedelten sich um 443 wieder in Jerusalem an. 614 eroberte der Perserkönig Chosrau II. Jerusalem, wobei es zu Massakern an Christen kam. 628 wurde die Stadt an Byzanz zurückgegeben. 638 nahm der Kalif Omar Jerusalem unblutig ein. Bis ins Jahr 1099 stand Israel unter arabisch-muslimischer Herrschaft. Die muslimische Herrschaft über Jerusalem wurde von christlichen Machthabern lange Zeit geduldet, solange die Pilger ungehindert die heiligen Städte aufsuchen konnten.

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Von 661 bis 750 wurde Jerusalem von Damaskus aus regiert. Ab 750 unterstand Jerusalem der Herrschaft von Bagdad. Dann eroberten die türkischen Seldschuken von 1070 bis 1085 Jerusalem und große Teile von Palästina. Ihre Herrschaft behinderte den freien Zugang der Pilger zu den heiligen Stätten und gab damit den Anstoß zum Beginn der Kreuzzüge.

 

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Unter der Herrschaft der Kirche

1095 begann durch Papst Urban II. der erste Kreuzzug. Zum Auftakt ermordeten die Kreuzritter allein im Rheinland 12'000 Juden. Unter Gottfried von Bouillon nahmen die Kreuzritter 1099 Jerusalem ein und richteten dort ein Blutbad unter der Bevölkerung an. Innerhalb von drei Tagen wurden bis zu 20'000 Bewohner getötet. Die Juden in Jerusalem wurden von den Kreuzrittern massakriert oder als Sklaven verkauft. Das bedeutete für über hundert Jahre das Ende der jüdischen Gemeinde in Jerusalem. Dafür entstand das «christliche» Königreich Jerusalem. Während der Kreuzfahrerzeit wurde der Felsendom zu einer Kirche umgestaltet.

 

 

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Erneute Rückkehr

Erst ab 1187, unter der darauf folgenden islamischen Besatzung Jerusalems unter Saladin, kehrten Juden wieder nach Jerusalem zurück. Beim fünften Kreuzzug 1229 gelang es Kaiser Friedrich II., kurzfristig Jerusalem und Bethlehem dem christlichen Küstenstreifen wieder anzuschließen. Doch bereits 1244 eroberten die khwarismischen Türken (Tataren) Jerusalem. Dies bedeutete das Ende des «christlichen» Königreichs in Jerusalem. 1291 räumten die Kreuzfahrer ihre letzte Stellung. Ab jetzt herrschten die in Ägypten an die Macht gekommenen Mamluken.

 

 

 

 

 

Die osmanische Herrschaft

1516 eroberte der türkische Sultan Selim I. Syrien und das damalige Palästina. Unter osmanischer Herrschaft entstanden um 1540 die Altstadtmauern von Jerusalem. Für die Juden gab es unter den Osmanen Zeiten der Aufbruchstimmung, aber auch schmerzvolle Erfahrungen. 1648 verkündete Sabatai Zwi, er sei der jüdische Messias. 1665 war er in Jerusalem, trat aber später unter Druck zum Islam über. Viele Juden hofften auf ein neues Israel und wurden bitter enttäuscht. Um 1660 wurden in Safed in Galiläa viele der 20'000 jüdischen Einwohner umgebracht. Die osmanische Herrschaft dauerte bis 1917.

 

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Nachfolger Jesu und Israel

Die Kirche verstand sich als das «geistliche Israel». Neben diesem hatte das eigentliche Israel keinen Platz mehr. So erlebte Israel gerade den christlichen Glauben als Existenz bedrohend. Dabei muss aber auch erwähnt werden, dass ab dem 4. Jahrhundert der christliche Glaube zum Instrument des Staates wurde, unter dem die überzeugten Nachfolger Jesu ebenso zu leiden hatten wie die Juden. Diese Nachfolger Christi waren es auch, die ab dem 19. Jahrhundert wieder für das jüdische Volk eintraten und wesentlich zum Aufbau eines jüdischen Staates beitrugen. 

 

 

Fortsetzung der Geschichte

 

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