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Zwischen Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit

 

Von Martin Rösch

Jüdische und nicht-jüdische Nachfolger und ihre Haltung zum Gesetz des Mose.  

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Mt. 5,17). Wer diese Worte Jesu aus seiner Bergpredigt auf sich wirken lässt, der wird einer weit verbreiteten Behauptung nicht zustimmen: Das Alte Testament zeichne das Bild eines strengen Gottes, der mit vielerlei Gesetzen das Leben der Menschen bis ins Kleinste regelt, während das Neue Testament einen liebevollen himmlischen Vater darstelle, der seinen Menschen viele Freiheiten einräumt. Auch nicht zu dieser Annahme passt, was Jesus ebenfalls in der Bergpredigt betont: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht“ (Mt. 5,18).

Nie setzte sich Jesus über gesetzliche Bestimmungen aus den Mose-Büchern hinweg. Dass er am Schabbat Kranke heilte, widersprach zwar der pharisäischen Auslegung des Schabbat-Gebots, nicht aber dem Gebot als solchem.

Welche Schlussfolgerungen sollen seine Nachfolger daraus ziehen, dass Jesus selbst das Gesetz erfüllt hat? Erwartet er von ihnen, dass sie es ihm gleich tun – nicht in eigener Kraft, aber in der Kraft des Heiligen Geistes, die er seinen Nachfolgern versprochen hat (vgl. Apg. 1,8)?

 

Einerseits Paulus und andererseits das Gesetz des Mose

Wie hielt es Paulus, der Apostel Jesu, mit den Ge- und Verboten der Mose-Bücher? Paulus war ein Bibel-Gelehrter, geschult zu Füßen des Rabbiners Gamaliel (Apg. 22,3). So sehr Paulus auch betonte, dass kein Mensch sich mit seinen Taten das Wohlgefallen Gottes erwerben kann, hielt er dennoch selbst nach seiner Begegnung mit dem jüdischen Messias Jesus an einem gesetzestreuen Lebensstil fest. Dies zeigte sich beispielsweise daran, dass sich sein Mitarbeiter Timotheus, Sohn einer jüdischen Mutter, beschneiden lassen musste (Apg. 16,3).

Allerdings warnte Paulus in seinem Brief an die Christen in Galatien deutlich davor, dass Nachfolger Jesu aus den Nationen Verpflichtungen wie die zur Beschneidung männlicher Nachkommen übernehmen: „Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen. Ich versichere noch einmal jedem, der sich beschneiden lässt: Er ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten“ (Gal. 5,2.3).

Vorausgegangen war eine Zusammenkunft der Apostel Jesu in Jerusalem, die sich mit der Frage beschäftigte: Müssen sich Nicht-Juden dem jüdischen Volk anschließen, um angemessen vorbereitet zu sein für ein Leben in der Nachfolge Jesu? Dieses Konzil führte zu dem Ergebnis, dass nicht-jüdische Nachfolger Jesu lediglich folgende Regeln beachten sollen: „… es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge: dass ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht“ (Apg. 15,28.29).

Worin besteht nach Paulus die Grundlage für eine Gott wohlgefällige Lebensweise, praktikabel gleichermaßen für jüdische und nicht-jüdische Nachfolger Jesu? In seinem Brief an die Gemeinde in Rom betont Paulus: „… die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm. 5,5). Diese Tatsache hat praktische Auswirkungen: Der Heilige Geist befähigt die Nachfolger Jesu dazu, die Liebe Gottes zu erwidern und ihren Mitmenschen liebevoll zu begegnen. Davon ist im gleichen Brief die Rede: „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ (Röm. 13,10).

 

Das Gesetz des Mose – außer Kraft gesetzt durch den Neuen Bund?

In welchem Verhältnis zueinander stehen der Neue Bund Gottes mit seinem Volk Israel, vermittelt durch den Tod Jesu am Kreuz, und das Gesetz des Mose? Traditionell sind Christen davon überzeugt, dass der Neue Bund den Bundesschluss am Sinai mit seinen gesetzlichen Bestimmungen abgelöst hat. Auch unter Juden, die Jesus als Messias Israels nachfolgen, gibt es diese Sichtweise. Sie halten nicht nur rabbinische Regeln wie die Trennung von Milch- und Fleischspeisen für nicht verbindlich, sondern auch eindeutig biblische Verbote wie den Verzehr von Tieren, die keine Flossen und Schuppen haben (3. Mo. 11,9.10).

Manche messianischen Juden unterscheiden jedoch im Blick auf die Verbindlichkeit des Gesetzes Moses zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Nachfolgern Jesu. Für die Letzteren verweisen sie auf die erwähnten Beschlüsse des Apostelkonzils in Jerusalem. Sich selber aber als messianische Juden sehen sie verpflichtet, dem Gesetz Moses zu folgen. Auch Christen fragen sich: Sollten wir es nicht halten wie diese messianischen Juden? Zum Austausch über diese und damit verbundene Fragen möchten dieser und weitere Beiträge in dieser Zeitschrift anregen.

 

 

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