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Flüchtlinge oder illegale Einwanderer?

Von Jurek Schulz und Catherine Meerwein

 

Diese Frage stellt sich nicht nur in unserer Zeit angesichts der Flüchtlingsströme, die seit letztem Jahr nach Europa drängen. Das Alte Testament ist voller Flüchtlingsschicksale – und hat auch etwas zum Umgang mit Fremden zu sagen.

Zweifellos stellt das Ganze eine Herausforderung dar. Nie zuvor sind Millionen von Menschen, vor allem aus nichtchristlichem Hintergrund, vor Krieg, Terror, Hunger und Armut geflohen und nach Europa aufgebrochen. Mehr als eine Million ist allein nach Deutschland gekommen. Hier suchen sie Schutz und Sicherheit, Ruhe und Frieden – eben eine neue Existenz.

Das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) nennt überwältigende Zahlen für 2015: 65,3 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht bzw. sahen sich gezwungen, sich außerhalb ihrer Heimat niederzulassen. Davon sind 21,3 Millionen Menschen vom UNHCR als Flüchtlinge anerkannt. Dazu werden auch 5,2 Millionen Palästinenser gezählt, die vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNRWA registriert sind.

Flüchtling ist nach internationalem Recht, wer die Kriterien der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 erfüllt. Im ersten Artikel dieses Gesetzestextes wird ein Flüchtling als eine Person definiert, die aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität, ihrer politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe in ihrer Heimat verfolgt wird und deshalb in ein anderes Land flieht. Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verlassen, sogenannte „Elends- bzw. Wirtschaftsflüchtlinge“, sind gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention jedoch keine Flüchtlinge und werden von den meisten Staaten als „illegale Einwanderer“ bezeichnet.

Das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellte fest, dass von 1953 bis 2015 insgesamt 4,6 Millionen Flüchtlinge Aufnahme in der Bundesrepublik fanden. Während 1955 insgesamt 1926 Asylanträge gestellt wurden, wuchs die Zahl der Antragsteller im Jahr 2015 auf 476’649 an. Mit 158’657 Erstanträgen um Asyl waren die Syrer die größte Flüchtlingsgruppe.

 

Wir schafften das

Ein Blick auf die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland macht deutlich, was dieses nach einem verheerenden Krieg von Trümmern übersäte Land schaffte: Über 14 Millionen Geflohene und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten sowie verschiedenen Ländern mit deutschen Minderheiten wurden bis 1950 primär im Westen Deutschlands integriert. Von den 1950er Jahren bis 2015 sind allein rund 4,5 Millionen Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert. Bei der Auflistung nackter Zahlen ist es jedoch wichtig, nicht den einzelnen Menschen und sein Schicksal aus den Augen zu verlieren. Ich selbst, Jurek Schulz, bin Deutscher mit Migrationshintergrund, wie es heute heißt. Meine Eltern, die zusammen mit einer Verwandten als einzige ihrer Familien die Greuel des Nationalsozialismus überlebten, stammten aus Polen und Litauen. In Deutschland erhielten sie die Möglichkeit, sich eine neue Existenz aufzubauen, und so wurde ich hier geboren.

Doch Europa stöhnt und ist gespalten. Immer mehr Länder haben ihre Grenzen dichtgemacht oder denken über eine mögliche Abriegelung in der Zukunft nach. Einige andere Länder wollen nur eine begrenzte Anzahl sowie nur christliche Flüchtlinge aufnehmen. Damit reagiert die Politik auf die Angst der Bevölkerung vor Überfremdung durch muslimische Geflüchtete. Politik und Gesellschaft sind überfordert und gespalten, was den Umgang mit den neuen Fremden betrifft.

 

Ein Flüchtlingsvolk

Schaut man in die Bibel, stellt man zweierlei fest. Erstens ist sie voller Flüchtlingsgeschichten, von Abraham bis zu Jesus. Zweitens nennt das Alte Testament klare Regeln hinsichtlich der Rechte und Pflichten von Ausländern.

Abraham würde nach internationalem Recht nicht als Flüchtling gelten, sondern als illegaler Einwanderer, da er aufgrund einer Hungersnot nach Ägypten floh (1. Mo. 12,10). Mose suchte nach der Ermordung des ägyptischen Aufsehers Zuflucht bei den Midianitern (2. Mo. 2,15). Da sein Volk von den Ägyptern unterdrückt wurde, würde er wahrscheinlich als politischer Flüchtling anerkannt. David suchte und erhielt politisches Asyl in Gad, als König Saul ihm nach dem Leben trachtete (1. Sam. 27,1-4). Auch Jesus erlebte eine Flucht – und das bereits kurz nach seiner Geburt: Ein Engel warnte Josef vor den Plänen des Herodes, alle Kleinkinder töten zu lassen, worauf Josef mit Frau und Kind nach Ägypten zog (Mt. 2,13-14). Und dann waren da noch die ersten Jesusnachfolger, also die Angehörigen der Urgemeinde in Jerusalem, deren Verfolgung nach Jesu Rückkehr zum Vater nicht lange auf sich warten ließ. Viele von ihnen flohen schon bald aus der Stadt (Apg. 8,1).

Das Volk Israel als Ganzes ist geprägt von seiner Flucht aus der Sklaverei in Ägypten. Diese war und ist bis heute Identität stiftend: Das Volk erlebte eindrücklich Wunder, die den Auszug aus dem Pharaonenreich erst möglich machten. Darauf folgte Gottes Bundesschluss mit seinem Volk am Sinai. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass sich Gott im Alten Testament immer wieder so vorstellt: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe“ (2. Mo. 20,2). Und das jüdische Volk erinnert sich im Passahfest jedes Jahr an diese besondere Flucht.

In Psalm 39,13 bezeichnet sich David als Gast und Fremdling vor Gott; dies als Ausdruck seiner Abhängigkeit von Gott, aber auch seiner Erwartung, dass Gott ihm, dem Schutzbedürftigen, helfen werde.

 

Klare Regeln

Das Alte Testament kennt für „Fremde“ zwei Bezeichnungen mit unterschiedlicher Bedeutung: „Ger“, den schutzsuchenden Flüchtling oder Schutzbürger, und „Nokri“, den Ausländer, der nur vorübergehend im Land ist.

Der Begriff „Ger“ umfasst Personen, die aufgrund von Hungersnot oder Krieg in ein anderes Land fliehen und sich dort niederlassen. Verschiedene Gebote regeln den Schutz dieser Menschen, etwa: „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen“ (2. Mo. 22,20). Die Begründung knüpft an die oben erwähnte Geschichte des Volkes Israel als Fremde in Ägypten an. Ebenso 3. Mo. 19,34: „Der Fremdling soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ Da der Fremdling in der Regel für immer blieb, wurde er den Einheimischen in gewisser Weise gleichgestellt, auch wenn er nicht den Status eines Israeliten erhielt. Die biblischen Anweisungen zielen darauf ab, ihn in allen Bereichen der Gesellschaft zu integrieren. In einzelnen Regelungen sieht das Gesetz sogar einen besonderen Schutz für Fremdlinge vor. Beispielsweise sollte auf den Feldern und in den Weinbergen keine Nachlese betrieben werden, damit Arme und Fremde sich durch Nachlese versorgen konnten (3. Mo. 19,9-10). Andererseits musste der Fremdling die Ordnung und den Glauben Israels respektieren und achten, dann durfte er auch am religiösen Leben Israels teilnehmen. Er durfte das Passah feiern, sofern er sich hatte beschneiden lassen, und durfte Gott Opfer bringen (2. Mo. 12,48-49; 4. Mo. 15,14 etc.).

Mit dem „Nokri“ ist, wie bereits erwähnt, ein Ausländer gemeint, der nur vorübergehend im Land bleibt und keine weitreichenden Bemühungen um Assimilation an die israelitische Gesellschaft erkennen lässt. Die Wortwurzel beinhaltet „sich verstellen“, d. h. es kann sich auch um einen Fremden handeln, der eigentlich gar kein Interesse an dem Land und seinen Bewohnern hat, ja, der sogar die Hilfsbereitschaft ausnutzen will. In diesem Fall ist der Staat gefordert, sich zu schützen. Andere Ausleger sehen in ihm auch einfach einen Ausländer, den wirtschaftliche Beziehungen ins Land bringen, der dort aber nicht dauerhaft bleiben will. Dieser wird nicht als besonders schutzbedürftig betrachtet und genießt deshalb keinen besonderen rechtlichen Schutz. Beispielsweise gelten die Gesetze über das Erlassjahr nicht für ihn: Ihm werden die Schulden nicht erlassen, aber er muss sie auch anderen nicht erlassen (5. Mo. 15,1-3).

Der Gebrauch der hebräischen Bezeichnungen ist allerdings nicht ganz einheitlich. So nennt sich Ruth, die Moabiterin, die aber ihrer israelitischen Schwiegermutter zugesagt hat: „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott“, eine „Nokri“, als sie Boas begegnet (Ru. 2,10). Nach ihrem Verhalten und der Situation zu urteilen würde man sie jedoch eher als Schutzbedürftige („Ger“) sehen.

 

Die große Chance

Zum Schluss noch ein Denkanstoß: Haben die erwähnten Bibelstellen über den Umgang mit „Fremdlingen“ im eigenen Land möglicherweise auch etwas zur aktuellen politischen Situation im Nahen Osten zu sagen? Die Tora geht davon aus, dass Angehörige anderer Völker im Land Israel leben, und regelt ihr Zusammenleben mit dem jüdischen Volk. Dieser Gedanke könnte als Argument für ein friedliches Miteinander von Juden und Palästinensern in einem Land verstanden werden – und damit gegen eine Zwei-Staaten-Lösung.

Und was bedeutet das alles für uns in Europa? Die Situation des Alten Testaments lässt sich natürlich nicht bis ins Detail auf heute übertragen. Aber es bleibt doch die Aufforderung, dem Fremdling einerseits mit Liebe und Respekt zu begegnen und andererseits aber auch klare Regeln für ein gutes Miteinander zu kommunizieren. Und wenn die Fremden unseren Glauben respektieren sollen, müssen sie erst einmal erfahren, was wir eigentlich glauben. So haben wir als Nachfolger Jesu die Aufgabe, ihnen die Gute Nachricht weiterzugeben. Lassen wir uns nicht von Ängsten bestimmen. Halten wir lieber an den Verheißungen Gottes fest, der „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim. 2,4).

 

 

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