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Schluss mit der Ersatztheologie – was nun?

Von Martin Rösch

Kann es sein, dass einmal „ausgebrochene“ Zweige des edlen Ölbaums wirklich wieder in denselben eingepfropft werden? Und wie soll man diese Theologie nennen?

Zunehmend verbreitet sich unter Christen die Überzeugung, dass die sog. Ersatztheologie ein theologischer Irrweg ist, von dem es umzukehren gilt. Bis in die Gegenwart hinein war die Überzeugung vorherrschend gewesen: Allein der Kirche Jesu Christi kommt die Rolle des erwählten Gottesvolkes zu. Allein die Kirche ist das „Israel Gottes“, nicht mehr das ursprüngliche Israel, das in seiner Mehrheit seinen Messias verworfen hat und darum seinerseits von Gott verworfen worden ist. Ein norwegischer Kenner der frühen Kirchengeschichte, Oskar Skarsaune, hat die Entwicklung hin zur Ersatztheologie schon im 2. nachchristlichen Jahrhundert bei Justin dem Märtyrer festgestellt. Justin (100-165 n. Chr.), ein christlicher Philosoph, aus Samaria stammend und später in Rom tätig, gilt als einer der frühen Kirchenväter. Oskar Skarsaune beschreibt, in welcher Weise Justin mit dem paulinischen Bild vom edlen Ölbaum Israel umgeht, in den Nicht-Juden auf Grund ihres Glaubens an den Messias Jesus eingepflanzt sind: „Bei Paulus hat Gott einige der Zweige aus dem alten Ölbaum ‚Israel‘ herausgeschnitten und hat an ihrer Stelle einige wilde Zweige eingepfropft – die Nicht-Juden. Bei Justin hat Gott den Ölbaum ‚Israel‘ umgehauen und an seiner Stelle einen völlig neuen Baum gepflanzt – die Kirche der Nicht-Juden. In diesen Baum hat er ein paar Zweige aus dem alten Baum eingepfropft – jene Zweige sind die glaubenden Juden“ (nach: In the Shadow of the Temple, Downers Grove 2002, S. 268).

 

Entweder Christ oder Jude

Justin war ein Kind seiner Zeit und keinesfalls der Einzige, der sich in dieser Weise äußerte. Was war dieser Entwicklung vorausgegangen? Die jüdischen Jesus-Nachfolger hatten sich am Aufstand der Juden gegen die Römer weder zur Zeit des jüdischen Krieges noch zur Zeit Bar-Kochbas beteiligt. Sie hatten Zuflucht in Pella im Ostjordanland gefunden, aber in der sich ausbreitenden christlichen Gemeinde im römischen Reich spielten sie keine Rolle mehr. Zwar gab es da und dort noch eine Minderheit jüdischer Glieder in den Christengemeinden, aber gegen Ende des vierten Jahrhunderts war diese Minderheit nicht mehr erkennbar.

Schon im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung war die Entfremdung zwischen Kirche und Synagoge so weit fortgeschritten, dass Justin der Märtyrer in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon darüber klagte, in den Synagogen würden die Nachfolger Jesu täglich verflucht. Auf der anderen Seite wurden zwischen dem vierten und dem sechsten Jahrhundert von den sog. ökumenischen Konzilien Verbote erlassen, die von Feindschaft gegenüber dem jüdischen Volk zeugen: Christen dürfen Synagogen nicht betreten. Christen dürfen an jüdischen Passah-Feiern nicht teilnehmen. Juden dürfen während der christlichen Karwoche nicht öffentlich in Erscheinung treten. Geistliche, denen die Heirat erlaubt ist, dürfen keine jüdische Ehepartnerin haben. Juden, welche die Taufe auf den Namen Jesu Christi begehren, müssen sich von ihrer jüdischen Identität und allen jüdischen Gebräuchen lossagen.

Über Jahrhunderte hinweg gab es nur das Entweder-Oder: Christ sein oder Jude sein. Dieses Entweder-Oder war immer wieder begleitet von blutiger Verfolgung der Juden im sog. christlichen Abendland.

 

Der „edle Ölbaum Israel“

Offenbar war die Sichtweise des Apostels Paulus in Vergessenheit geraten, die er in den drei Kapiteln 9–11 seines Briefs an die Christen in Rom darlegt. Schmerz und Zuversicht im Blick auf sein eigenes Volk kommen dort zusammen. Seine Zuversicht gründet in der Treue Gottes zu seinem erwählten Volk Israel:

„Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. … Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott kann sie wieder einpfropfen“ (Röm. 11,17.18.23).

Wen meint Paulus mit diesem „edlen Ölbaum“? Blickt man auf die auf Grund des Unglaubens „ausgebrochenen Zweige“, legt sich folgende Annahme nahe: Der „edle Ölbaum“ ist das seinem Gott vertrauende und gehorchende Israel mit Menschen wie Abraham und Mose, David und Salomo, Esra und Nehemia, Simeon und Hanna, Petrus, Jakobus und Johannes. Zu diesem „Vertrauen und Gehorchen“ gehört das „Ja“ zum Messias Israels: Jesus von Nazareth. Was die Wurzel des „edlen Ölbaums“ angeht, so überzeugt mich die Annahme, dass damit kein anderer als der Messias Israels gemeint sein kann: Jesus von Nazareth. Hat er doch von sich selber gesagt: „Ehe Abraham wurde, bin ich“ (Joh. 8,58).

 

Der „edle Ölbaum Israel“ wächst wieder

Schaute man im 19. Jahrhundert zurück auf die Kirchengeschichte mit ihrer Feindschaft gegenüber dem jüdischen Volk, so konnte man fragen: Sollte das Bild vom edlen Ölbaum, dem ausgebrochene Zweige wieder eingepfropft werden, jemals beobachtbare Wirklichkeit werden? Sollte jemals wieder erkennbar werden, dass sich die Gemeinde Jesu Christi aus Juden und Nicht-Juden zusammensetzt?

Dennoch begann in jenem Jahrhundert eine Bewegung unter dem jüdischen Volk hin zu seinem Messias Jesus aus Nazareth. Als Beispiel sei zunächst die Gemeinschaft um den russisch-jüdischen Bibelgelehrten Joseph Rabinowitz in Kischinew im heutigen Moldawien genannt. 1866 wurde in Großbritannien die Hebrew Christian Alliance (Allianz hebräischer Christen) gegründet. Ihr folgten ähnliche Zusammenschlüsse in anderen Ländern. Bis kurz vor dem 2. Weltkrieg und dem damit verbundenen Versuch, das jüdische Volk zu vernichten, war die judenchristliche Bewegung auch in Deutschland zu Hause und hatte mit der Jerusalem-Kirche in Hamburg ihr Zentrum.

Es brauchte mehrere Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, bis ein neuer Aufbruch unter dem jüdischen Volk hin zu Jeschua HaMaschiach, dem Messias Jesus, einsetzte, jener Aufbruch, der heute meist „messianisch-jüdische Bewegung“ genannt wird. Die amzi unterhält zu vielen ihrer Vertreter rege Beziehungen – innerhalb und außerhalb Israels. Als Beispiel einer messianisch-jüdischen Gemeinde in Israel sei diejenige auf dem Karmel-Berg genannt. Sie besteht mehrheitlich aus jüdischen Jesus-Nachfolgern, die aus verschiedenen Ländern nach Israel eingewandert sind. Dort wird aber auch das Miteinander mit Jesus-Nachfolgern aus anderen Nationen gelebt, insbesondere mit Arabisch sprechenden. Darin wird erkennbar, dass Jesus Christus „unser Friede“ ist, der den „einen neuen Menschen“ (aus Juden und Nicht-Juden) geschaffen hat (Eph. 2,14.15).

 

Wieder Realität

Vor wenigen Wochen traf sich die europäische Sektion der „Lausanne Consultation on Jewish Evangelism“ (LCJE) in Kiew in der Ukraine. Dies ist ein Zusammenschluss von Organisationen, welche sich weltweit der Verkündigung des Evangeliums unter dem jüdischen Volk widmen. Neben größeren Werken wie „Juden für Jesus“ ist dort auch die amzi als Mitglied vertreten. Im vergangenen Jahr kamen die Geschäftsführer zahlreicher Mitgliedswerke im Konferenzzentrum St. Chrischona zusammen. Die LCJE ist eine Sektion des Lausanner Komitees für Weltevangelisation, entstanden im Gefolge des Kongresses für Weltevangelisation, der 1974 im Palais de Beaulieu in Lausanne stattgefunden hat.

Vom Wirken Gottes unter seinem auserwählten Volk Israel – im Land Israel, aber auch in mehreren Ländern Europas – wurde bei der Konferenz in Kiew berichtet. Unter den Berichterstattern war auch der Rabbi bzw. Pastor einer messianisch-jüdischen Gemeinde in Kiew, die Tochter-Gemeinden in der Ukraine und in Russland hat. Ein Merkmal dieser Gemeinde ist, dass sich ihre 1600 Mitglieder zusätzlich zu den Gottesdiensten am Schabbat in Kleingruppen treffen, um einander zur Nachfolge des Messias Jesus zu ermutigen.

An vielen Stellen weltweit zeigt sich: Gott hat begonnen, die „ausgebrochenen Zweige“ wieder in den „edlen Ölbaum Israel“ einzupfropfen. Ein messianisch-jüdischer Teilnehmer der besagten Konferenz in Kiew sprach davon, dass Gott dabei ist, sein eigenes Volk zu seiner Berufung zurückzuführen, „Licht für die Völker“ (vgl. Jes. 60,3) zu sein. Ein nicht-jüdischer Konferenzteilnehmer aus England hatte sein Buch mit dem Titel „The Case for Enlargement Theology“ nach Kiew mitgebracht. Eine wohlklingende deutsche Übersetzung für diesen Buchtitel habe ich noch nicht gefunden, aber ich habe verstanden, was der Autor betont: Das seinem Gott vertrauende und gehorchende Israel wird nicht ersetzt durch die Kirche, sondern erhält fortwährend Zuwachs aus den übrigen Nationen, erlebt „Enlargement“ (Ausdehnung). Ein messianisch-jüdischer Ausleger nennt diese Erweiterung „Anschluss an den Commonwealth Israels“. Durch die Zugehörigkeit zum jüdischen Messias Jesus erhalten Nicht-Juden das Privileg, dass auch sie zum Schöpfer und Vater Israels rufen dürfen: „unser Vater!“, „mein Vater!“

 

 

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