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Einheit von Juden und Nichtjuden

Von Jurek Schulz

 

Am 9. November 2013 jährte sich die Reichskristallnacht, die den Beginn der systematischen Verfolgung von Juden durch die Nationalsozialisten darstellte, zum 75. Mal. Was für ein Gegensatz zum biblischen Zeugnis.

Die Einheit von Juden und Nichtjuden entspricht dem Willen Gottes und wurde bereits bei den Propheten angekündigt. In Jesaja 56,6-9 heißt es, Nichtjuden würden zum Glauben an den Gott Israels kommen und ihn lieben. Diese Nichtjuden werden dann mit Israel vereint, und gemeinsam werden sie Schabbat feiern und den Bund Gottes festhalten.

In Sacharja 8,20-23 wird uns mitgeteilt, dass eine Zeit kommt, in der die Nationen erkennen, dass Gott mit Israel ist. So drastisch wird es sein, dass man einen Juden an seiner Jacke packen und ihn bitten wird, mit ihm gehen zu dürfen, weil Gott, der Herr, offensichtlich mit ihm ist. 

In Sacharja 14,16 lesen wir, dass bei der Ankunft des Messias die Nichtjuden zusammen mit den Juden Sukkot, das Laubhüttenfest, feiern werden. Nebenbei bemerkt ist es interessant, dass Nichtjuden offenbar in der Zukunft den jüdisch-biblischen Festtagskalender berücksichtigen werden.

Es entspricht dem Willen Gottes, dass Juden und Nichtjuden gemeinsam in der Nachfolge des Messias stehen. In Römer 9,24-29 wird uns gesagt, es sei Gottes Wille, dass beide durch die Botschaft des Messias zu einer Einheit zusammenkommen.

 

Im Neuen Testament

Jesus predigte und heilte unter seinen jüdischen Zeitgenossen. Er gab seinen Jüngern den Auftrag zum Verkündigungsdienst und sandte sie aus „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt. 10,6). Nach seiner Auferstehung gab er seinen zwölf Jüngern den Auftrag, von Jerusalem ausgehend in Judäa und Samarien bis an das Ende der Erde das Zeugnis des Messias aufzurichten (Mt. 28,19; Apg. 1,8).

Lukas schildert uns in der Apostelgeschichte, wie dieser Auftrag umgesetzt wurde. In Kapitel 2–7 wird beschrieben, wie die Verkündigung des Evangeliums ihren Lauf nimmt von Jerusalem über Judäa bis nach Samarien (Apg. 8–9).

Paulus verstand sich zwar als „Apostel der Heiden“ (Röm. 11,13), suchte aber stets zuerst die Juden in der örtlichen Synagoge bzw. an einem anderen Versammlungsort auf (Röm. 1,16; Apg. 9,15). So waren die ersten Gemeinden von Jesus-Nachfolgern jüdische Gemeinden, die sich zu Jesus als dem Messias bekannten.

Daher schildert die Apostelgeschichte nicht primär den Übergang von der Judenmission zur Heidenmission, wie es oft in der Literatur dargestellt wird, sondern wie das messianische Zeugnis sich von Israel ausgehend in weiteren Ländern bis nach Rom ausbreitete, vor allem unter Juden (Apg. 28,24).

 

Erweckung unter Juden

Oft wird es unter Bezug auf Apostelgeschichte 28,24 so dargestellt, nur „einige wenige“ Juden seien davon überzeugt worden, dass Jesus der Messias ist. Studiert man die Apostelgeschichte jedoch genauer, fällt auf, dass diese Aussage auf jenen Kontext zutraf und nicht zu verallgemeinern ist. Es gab neben einer Reihe positiver Reaktionen vieler einzelner Juden auch regelrechte Massenerweckungen. In Apostelgeschichte 2,41.47 ist zu lesen, dass 3000 Juden den Messias erkannten, und täglich kamen weitere hinzu. In Kapitel 4,4 steht, dass die Zahl der Männer auf 5000 wuchs, die zum Glauben an den Messias kamen. In Kapitel 5,14 wird uns mitgeteilt, dass Massen von Männern und Frauen zu Jesus fanden. In Kapitel 6,7 heißt es, dass in ganz Jerusalem die Zahl der Nachfolger Jesu unaufhörlich wuchs. Darunter befanden sind eine Menge von Priestern, die ebenso das Zeugnis Jesu annahmen.

Die frohe Botschaft breitete sich weiter nach Joppe (heute Jaffa bei Tel Aviv) aus. Viele Juden nahmen den Glauben an Jesus an. Überall wuchs das Wort Gottes, wie es in Kapitel 12,24 heißt. Bald erreichte die frohe Nachricht auch die entfernteren Gegenden wie Antiochia in Pisidien, wo in der Synagoge Juden und Nichtjuden als eine Einheit von Paulus ermutigt wurden, bei der Gnade Gottes zu bleiben (13,42-49).

In Kleinasien kamen derart viele Juden und Nichtjuden zum Glauben, dass sie nicht gezählt werden konnten (14,1.23). In Kapitel 17,4 lesen wir, dass Nichtjuden, vor allem auch höher gestellte Männer und Frauen, in der Synagoge in Beröa in Jesus ihren Messias fanden. Sicher ist es ein Höhepunkt der Entwicklung, wenn uns in Kapitel 21,20 mitgeteilt wird, dass es Myriaden sind, d.h. unzählbar viele, die erkannten, dass Jesus der Messias ist, und mit Eifer das Gesetz befolgten. Das heißt, sie verließen nicht das Judentum, sondern achteten die Ordnungen der Väter.

 

Kein Gegensatz

Daraus können wir den Ratschluss Gottes sehen, dass nicht allein das Heil von den Juden kommt, sondern dass es sich auch unter seinem Volk ausbreitete. In der Schrift geht es nicht um Gegensätze wie Synagoge – Kirche, Gesetz – Evangelium oder Jude – Nichtjude. Das tritt erst ab dem 4. Jahrhundert n.Chr. als Resultat eines christlichen Antisemitismus auf. Die entscheidende Trennlinie nach der Schrift ist, ob jemand die Botschaft vom Kreuz annimmt und in die Nachfolge Jesu eintritt oder nicht.

Die, die Jesus nachfolgen, sind nach Epheser 2,11ff. eine Einheit als Gemeinde aus Juden und Nichtjuden. Sie bilden den „Leib des Messias“ als sichtbaren Ausdruck seiner Gegenwart. In diesem Leib sind Menschen, die Vergebung und Erneuerung ihres Lebens erfahren haben. Das macht sie zu einer Einheit, die auf dem Weg zum Messias ist.

Es ist ergreifend, wie Jesus in Johannes 17,11.21-23 insgesamt fünfmal den Vater im Himmel bittet, dass die Gläubigen eins, also eine Einheit, sein sollen. Hat er prophetisch geahnt, wie groß die Spaltungen seiner Gemeinde in Zukunft werden würden?

In biblischer Zeit bis ins 3. Jahrhundert war die messianische Gemeinde aus Juden und Nichtjuden religiös wie auch kulturell jüdisch geprägt; die nichtjüdischen Gläubigen schlossen sich dem an. Erst später verließ die christliche Gemeinde durch die Dominanz der nicht-jüdischen Gläubigen das religiöse und kulturelle jüdische Erbe.

 

Frühkirchliche Entwicklung

Ab dem 2. Jahrhundert begann eine Kluft zwischen Heiden- und Judenchristen zu wachsen. Die Schriften von Clemens von Alexandrien (ca. 140–215) und seinem Nachfolger Origenes (ca. 185–253) sowie vor allem von Augustinus (354–430) schufen die theologische Grundlage für den allmählich wachsenden Antijudaismus. Sie argumentierten, die Zerstreuung der Juden zeige, dass Gott sein Volk verworfen und seine Erwählung aufgehoben habe. Nach und nach wurde der Antijudaismus zu einer eigenständigen Literaturgattung. Diese legte die antijudaistische Lesart des Alten Testaments (und später des Neuen Testaments) für Jahrhunderte fest. Dadurch zerbrach die Einheit der Gemeinde Jesu aus Juden und Nichtjuden.

Die staatlichen Reglementierungen und Einschränkungen jüdischen Lebens nahmen zu. Davon waren auch die Gläubigen auf beiden Seiten betroffen. Ab dem Jahre 339 war es verboten, Ehen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen einzugehen. Trotzdem blieben die Gläubigen auf beiden Seiten heimlich miteinander verbunden. Dies veranlasste Johannes Chrysostomus (ca. 349–407 n.Chr.) zu antijüdischen Äußerungen. Aus der Erkenntnis heraus, dass jemand nur entweder Christ oder Jude sein konnte, vertrat er die Meinung, es müsse nicht nur im gesellschaftlichen Bereich, sondern auch im religiösen Leben und theologischen Denken eine rigorose Trennung zwischen beiden Gruppen herrschen.

Mit dem Erlöschen einer selbstständigen jüdisch-messianischen Bewegung, in der immer auch nichtjüdische Gläubige dabei waren, entstand nun eine Proselytenarbeit. Das heißt, die Kirche und die entstehenden christlichen Strömungen waren fortan bestrebt, aus Juden Katholiken, später Protestanten bzw. – in neuerer Zeit – Baptisten oder Mitglieder anderer Konfessionen zu machen, unter Aufgabe der jüdischen Identität und Lebensführung. Sogar später entstehende Israelwerke, die oft eine hervorragende Arbeit in jüdischen Wissenschaften und der hebräischen Forschung leisteten, waren zumeist konfessionell gebunden und schufen ebenfalls Proselyten.

 

Messiasgläubige aus den Synagogen

Im Unitätsarchiv von Herrnhut lagern Dokumente, die bezeugen, dass zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert in Europa ein Netzwerk von Messiasgläubigen aus den Synagogen existierte. Viele Rabbiner aus Ungarn, Moldawien, Russland, der Türkei und anderen Ländern ließen sich auf den Namen Jesus taufen. Der Ausgangspunkt dieser Erweckung war in Pinczow (Polen). Alle diese Gläubigen blieben in der jüdischen Tradition. Ein Enkel des dortigen Rabbiners Megalle Amukkoth namens Rabbi Nathan kam ebenfalls in Pinczow zum Glauben und ließ seinen Sohn Jonathan 1690 taufen. Dieser, Jonathan Eybeschütz (gest. 1764), wurde schließlich Rabbiner in Hamburg-Altona. Für ihn war klar, dass der jüdisch-messianische Glaube in die Synagoge gehört. In einem Brief wird das Selbstverständnis dieser Bewegung formuliert:

„Rabbi Jonathan und andere unserer berühmten Lehrer waren ganz und gar überzeugt aus der Schrift, dass das Reich Christi bald erscheinen muss. Israel muss aber zuerst bekehrt werden und eine Gemeinde für sich selbst ausmachen, und durch dies Israel, das nach der bittersten Feindschaft sich dem Heiland ganz und gar widmet, werden die übrigen Völker der Erde, die jetzt sogenannten Christen, bekehrt werden.“

 

Es wird deutlich: Nicht immer gab es eine sichtbare Einheit der Gläubigen, aber der „Leib des Messias“ ist eine geistliche und keine organisatorische Größe. Durch den Nationalsozialismus ist die Einheit der Gemeinde aus Juden und Nichtjuden erneut zerstört worden. Mit dem Aufkommen der neueren messianischen Bewegung sind Juden und Nichtjuden herausgefordert, die Einheit wieder zu suchen und zur Ehre des Herrn zu gestalten. So können wir dazu beitragen, den Herzenswunsch Jesu, den er in seinem Gebet in Johannes 17 zum Ausdruck brachte, zu erfüllen.

 

 

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