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Der rechte Blick

Lukas 18,9-14

 

Von Hanspeter Obrist

Zwei Menschen beten in Jerusalem zu Gott. Einer ist ein verachteter Geldeintreiber im Dienste des Staates, der andere gehört zur religiösen Elite.

 

Das perfekte Leben

Der Pharisäer ist ein bemerkenswerter Mann. Er gehört zu den Menschen, die etwas von Gott verstehen. Regelmäßig besucht er die Synagoge und den Tempel. Er hat bei seinem Rabbiner in der Jeschiwa die Schriften studiert und wohl bereits zu zahlreichen hoch theologischen Diskussionen beigetragen. Ja, die Pharisäer haben es in sich. Sie sind nicht so weltlich orientiert wie die „anderen“. Sie erwarten, dass Gott sein Reich bald in Jerusalem aufrichten wird.

Als Pharisäer führt er ein rechtschaffenes Leben. Wahrscheinlich wurde er auch schon oft als leuchtendes Beispiel hingestellt. Er hat ja auch viele gute Eigenschaften vorzuweisen, die er jetzt völlig selbstbewusst in sein Gebet einfließen lässt:

„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie andere Leute: kein Räuber, kein Gottloser, kein Ehebrecher und schon gar nicht wie dieser Zolleinnehmer da hinten. Ich faste zweimal in der Woche und gebe von allen meinen Einkünften den zehnten Teil für Gott.“

Er glaubt, Gott zu ehren, indem er sich selbst lobt. Gott muss ja fast ein bisschen stolz sein, dass es auf der Erde einen Menschen gibt, der nach seinen Anordnungen lebt! Er ist ja nicht wie die anderen, so wie der Geldeintreiber. Der kann Gott ja nichts bringen als sein Versagen. Da hat er schon mehr zu bieten.

Sein Gebet dreht sich letztlich nur um sich selbst. Eigentlich braucht er selbst Gott gar nicht, denn er macht von sich aus alles richtig. Ob Gott da ist oder nicht, spielt für ihn keine große Rolle. Sein eigenes Tun sagt ihm, dass er genügt. Gott muss mit ihm zufrieden sein. Er spricht sich seine Gerechtigkeit selbst zu. Dabei geht völlig unter, dass er eigentlich gar keine Beziehung zu Gott hat.

 

Der neue Blick

Der Zöllner und Geldeintreiber dagegen sieht auf Gott. Dabei wird ihm bewusst, wie kümmerlich er selbst vor Gott ist. Obwohl er sich schon lange angewöhnen musste, sich gegen das Gespött und die Verachtung der anderen alleine durchzusetzen, weiß er, dass er Gottes Güte braucht und von dieser Güte lebt. Sein Gewissen ist noch nicht abgestorben. Ihm ist bewusst, dass er sein Leben nicht selbst zurechtrücken kann und kein Anrecht auf Gottes Güte hat.

Indem er dies offen zugibt, erlebt er, wie Gott sich über ihn erbarmt. Gottes Güte ist für ihn ein Geschenk – kein Lohn für irgendwelche frommen Leistungen. Er kann mit Gott nicht verhandeln. Ihm ist klar geworden, dass letztlich kein Mensch Gott etwas bringen kann, das Bestand hat. Doch diese Erkenntnis lässt ihn nicht verzweifeln, sondern bringt ihn dazu, das Geschenk der Gnade Gottes dankbar anzunehmen. Er bittet ganz schlicht um Vergebung: „Gott, vergib mir, ich weiß, dass ich ein Sünder bin!“

Wie oft fällt es uns doch schwer, einfach einzugestehen, dass wir selbst verantwortlich sind für unseren Zustand, und zu begreifen, dass die schlichte Bitte um Vergebung in eine neue Beziehung führt. Wenn wir unser Geschick Gott anvertrauen, nimmt Gott uns an der Hand und führt uns aus der Not heraus.

 

Der Mensch nach dem Willen Gottes

Durch sein Bekenntnis erfährt der Zöllner Gottes Erbarmen. Er geht von seiner Schuld befreit vom Platz. Diese Erfahrung verändert sein eigenes Leben. Er lernt, selbst Erbarmen mit anderen zu haben. Indem er sich von Gott beschenken lässt, kann er andere beschenken. Es eröffnen sich ihm neue Wege, Beziehungen zu leben.

Wo Gott ein Leben befreit, sind wir frei, auf andere zuzugehen. Als Beschenkte können wir andere beschenken, ohne Ehre oder eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Wir müssen uns nicht mehr um uns selbst drehen. Jesus hat uns dies- vorgelebt. Durch ihn bietet uns Gott seine Vergebung an (Joh. 3,16). Wer diese Vergebung erfahren hat, wird auch bereit, anderen zu vergeben. Sie macht uns fähig, über unseren Schatten zu springen und Gutes zu tun, auch wenn der andere dies nicht erwidert.

Die Güte Gottes lässt uns nicht nachlässig werden, doch sie entkrampft. Nur wenn wir nicht ständig auf uns schauen, sondern auf Gott, können wir Menschen nach dem Willen Gottes sein. Darin finden wir letztlich zu uns selbst – dem Menschen nach dem Herzen Gottes. Wohin richtet sich mein Blick?

 

 

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