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Chanukka und das Licht der Welt

Von Catherine Meerwein  

 

Wenn es über längere Zeit dunkel ist, wächst die Sehnsucht nach Licht. Dies gilt nicht nur für die dunklen Wintermonate, sondern auch im übertragenen Sinn.

 

Das Volk Israel erlebte unter dem syrischen Seleukidenherrscher Antiochus Epiphanes im 2. Jahrhundert vor Christus eine Zeit der Unterdrückung und Demütigung. Der König zwang den Juden die griechische Kultur und Religion auf und verbot ihnen unter Androhung schwerer Strafen, ihre Söhne zu beschneiden und den Schabbat zu halten. Den nach dem Exil in Babylon wieder errichteten Tempel in Jerusalem weihte Antiochus dem griechischen Göttervater Zeus. Auf dem Zeusaltar ließ der König Schweine opfern, was eine zweifache Entweihung des Tempels darstellte: im heiligen Tempel wurden einem Götzen unreine Tiere zum Opfer dargebracht. Eine Provokation ohnegleichen. Denn der Tempel war der Ort, an dem Gott unter seinem Volk wohnen wollte (2. Mo. 25,8). Mit der Entweihung des Tempels war das jüdische Volk zutiefst gedemütigt und der Gegenwart Gottes beraubt.

Doch mit dieser himmelschreienden Aktion hatte Antiochus nun endgültig den Bogen überspannt. Es kam zum Makkabäer-Aufstand, der die Herrschaft der Seleukiden über Judäa beendete. Unter großem Einsatz konnte nach drei Jahren Kampf der Tempel 164 v. Chr. zurückerobert und neu geweiht werden.

 

Gottes Gegenwart

Bei der Rückeroberung sollte auch die Menora, der siebenarmige Leuchter, der im Tempel vor dem Allerheiligsten stand, wieder entzündet werden. Leider, so die Überlieferung, fand sich nur noch ein einziger Krug mit geweihtem Öl, eine Ein-Tages-Ration. Doch Gott tat das Wunder, dass das Öl die Lampen der Menora acht Tage lang brennen ließ, bis neues geweihtes Öl hergestellt war. An diese acht Tage, und damit an jenes Wunder, erinnert der achtarmige Leuchter, bei dem am Chanukka-Fest jeden Tag eine weitere Kerze brennt. Die mittlere, neunte Kerze ist der „Diener“, mit dessen Hilfe man die anderen Kerzen entzündet.

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell“ (Jes. 9,1). In der dunklen Zeit der Seleukidenherrschaft sehnte sich das Volk Israel nach Gottes Licht, nach seiner Gegenwart. Die Menora als Symbol für Gottes Gegenwart sollte unter allen Umständen wieder hell erstrahlen. Noch heute ist der siebenarmige Leuchter im Judentum ein wichtiges Symbol: einerseits für das Judentum generell, andererseits, damals wie heute, für die Gegenwart Gottes. In orthodoxen Kreisen werden die Lampen der Menora nicht entzündet, weil dies als Symbol für die vollkommene Gegenwart Gottes verstanden wird, wie sie erst mit dem Kommen des Messias wieder erfahren werden kann.

 

Ich bin das Licht

Genau mit dieser Symbolik provozierte Jesus seine Zuhörer, als er sagte: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh. 8,12). Damit forderte er die Pharisäer gewaltig heraus. Was er damit sagte, war nicht einfach so etwas wie: „Ich bin ein toller Kerl.“ Er bezeichnete sich mit diesen Worten selbst als den Messias, denn das verheißene Licht bezieht sich auf den Retter Israels. Für die Schriftgelehrten war das eine ungeheuerliche Aussage. Jesus erklärte ihnen gewissermaßen: „Ihr steht in der Gegenwart Gottes.“

Indem Jesus sich selbst als das Licht der Welt bezeichnete, wird auch deutlich, dass es sich bei diesem Licht nicht um irgendeine spirituelle Erleuchtung handelt, wie sie in verschiedenen Religionen gelehrt wird. Sondern dieses Licht ist eine Person, Jesus von Nazareth, Gottes Sohn. Er hat nicht das Licht des Lebens, sondern er ist es. Durch ihn wird Gottes Gegenwart sichtbar.

 

Nicht Endverbraucher

Eine andere Verheißung, die Jesaja schon Jahrhunderte zuvor weitergegeben hatte, dürfte für das frühe Judentum genauso revolutionär gewesen sein: „Es ist zu wenig, dass du [der Messias] mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde“ (Jes. 49,6). Das jüdische Volk soll nicht „Endverbraucher“ dieses Lichts sein, sondern es ist auch für die Heiden bestimmt.

In der Bergpredigt geht Jesus noch weiter: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt. 5,14), sagt er zu seinen Jüngern. Die brennenden Kerzen der Menora waren bzw. sind ein Zeichen für Gottes Gegenwart. Ein Mensch, der durch Jesus mit Gott versöhnt ist, ist ein Licht in dieser Welt – nicht als Zeichen für Gottes Gegenwart, sondern als Gottes Gegenwart selbst, weil Jesus in ihm lebt.

Chanukka erinnert an das Wunder, dass das Licht der Menora nicht erlosch. Wie groß ist erst das Wunder, dass der allmächtige Gott in uns Menschen Wohnung nehmen will und uns zum Licht dieser Welt macht.

 

 

© amzi Reinach

Weitere Texte finden Sie im Buch „Feste Israels“, Brunnen Verlag Basel, Hanspeter Obrist

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