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Hat Israel noch eine Bedeutung?

Von Hanspeter Obrist

Ist nicht jedes andere Volk und Land genauso wichtig? Diese Frage wird mir immer häufiger gestellt. Welche Bedeutung hat Israel heute für uns Christen?

 

Auf die Frage, ob sie in persönlichem regelmäßigen Kontakt zu einem Juden stehen, antworten viele Christen mit „Nein“. Ich empfehle jedem Christen den Kontakt zu mindestens einem Juden, nämlich zu Jesus, zu pflegen. Doch wie kommt es, dass wir Jesus oft nicht mehr als Juden wahrnehmen? Es scheint, als hätten wir ganze Systeme und Theologien entwickelt, um uns als Christen vom jüdischen Hintergrund unseres Glaubens abzugrenzen.

Dabei ist unser Glaube inhaltlich gesehen ein jüdisch-messianischer Glaube. Wir glauben, dass Jesus die Verheißungen des Tenach (Altes Testament) erfüllt hat oder noch erfüllen wird – ohne den Tenach ergäbe sein Kommen keinen Sinn. Jesus ist als jüdischer Messias der Retter der ganzen Welt. Auch wenn wir seit dem Apostelkonzil (Apg. 15) die Freiheit haben, unseren Glauben in verschiedenen Formen und mit unterschiedlichen Traditionen zu leben. Aufgrund dieses Zusammenhangs haben wir als Christen einen näheren Bezug zum jüdischen Glauben und Volk als zu allen anderen.

 

Ewige Gemeinschaft mit dem Gott Israels

Jesus hat den Neuen Bund nicht losgelöst vom Alten Testament eingesetzt, sondern wählte dazu die Sederfeier vor dem jüdischen Passahfest (Lk. 22,19-20), bei der der Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten und der Errettung vor dem Gericht Gottes gedacht wird. Passah bedeutet das Vorübergehen des Gerichtsengels. Jesus

ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt (Joh. 1,29), so wie

es in Jesaja 53,6-7 beschrieben wird: „Der HERR ließ ihn treffen unser aller Schuld. Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf wie das Lamm, das zur Schlachtung geführt wird.“ Weiter heißt es: „Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen“ (Jes. 53,10). Als Passahlamm wendet Jesus das Gericht von uns ab (vgl. 2. Mose 12). Dank dem Neuen Bund erhalten alle Menschen das Angebot, durch eine persönliche Entscheidung in eine ewige Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater zu treten (Joh. 3,16).

Gott löst damit sein Versprechen ein, dass die Menschen aller Völker durch den jüdischen Messias eine ewige persönliche Beziehung mit ihm haben können: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten Israels zurückzuführen. So habe ich dich auch zum Licht der Nationen gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde“ (Jes. 49,6). Das Heilsangebot Gottes in Jesus wurde von Juden in die damals bekannte Welt getragen (Mk. 16,15), wie es in Jesaja 66,19-20 verheißen war, denn die ersten Christen waren fast ausschließlich Juden.

Die Frage ist, ob damit alle früheren Bünde und Versprechungen von Gott an das jüdische Volk erfüllt sind und ob es, auch aufgrund der mehrheitlichen Ablehnung der Botschaft Jesu, heute keine Bedeutung mehr hat. Paulus sagt dazu im Römerbrief 11,1: „Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Das sei ferne!“

 

Der Neue Bund

Der auf die Ewigkeit bezogene Neue Bund muss nicht zwingend die auf das irdische Leben bezogenen Verheißungen Gottes an das jüdische Volk aufheben. Gottes Bund mit dem Volk Israel ist auf diese Erde beschränkt. Juden erwarten deshalb auch nicht eine jenseitige Welt, sondern warten auf die Errichtung des messianischen Königreiches auf dieser Erde, zu dem die Verstorbenen auferstehen werden.

Im Neuen Bund dagegen werden wir zu Kindern Gottes (Joh. 1,12) und damit Erben des himmlischen Jerusalems (Joh. 14,2). Jesus führt uns in eine neue Beziehung zum himmlischen Vater. Er hat uns offenbart (Joh. 17,6), dass wir Gott als unseren Vater ansprechen dürfen (Mt. 6,9). Paulus lehrt uns sogar, die familiäre Ausdrucksweise Abba zu gebrauchen (Röm. 8,15), so wie es auch Jesus tat (Mk 14,36). Der Neue Bund baut auf einer neuen, vertrauten, ewigen Beziehung zum himmlischen Vater auf. Die Verheißungen an das jüdische Volk bauen auf ein Leben auf dieser Erde. Auch Juden sind eingeladen, wie alle Menschen, durch eine persönliche Entscheidung an der ewigen Gemeinschaft mit Gott und seinem ewigen Reich teilzuhaben, das über das irdische Königreich hinausgehen wird.

Gott hält Wort

Wenn Gott uns etwas verheißt, bedeutet das aber nicht, dass wir nun ein Recht haben, über das Wann, Wo und Wie zu entscheiden. Eine Verheißung kann man sich nicht selbst nehmen. Ein Kind kann im Geschäft einen Fußball auch nicht einfach mitnehmen, weil ihm der Vater einen versprochen hat. Der Vater selbst muss ihn dem Kind geben. Ebenso wenig darf man sich über geltendes Recht hinwegsetzen und das Gut des Nächsten für sich beanspruchen, auch wenn letztlich alles Gott gehört und er mich zum „Miterben“ gemacht hat. Abraham hatte die Verheißung des Landes, er erhielt jedoch nur eine Grabstätte. Er lebte im Glauben, dass Gott zu seiner Zeit seine Versprechungen erfüllt. Genauso ist es mit den Verheißungen an das jüdische Volk. Gott steht zu seinem Wort, doch er wird zu seiner Zeit sein Wort wahr werden lassen. Genauso erfüllt er zu seiner Zeit die Verheißungen an uns. So dürfen wir auch wissen, dass er uns eine Wohnung im Himmel bereit hält, von dort wiederkommt und uns zu sich nimmt (Joh. 14,2-3).

 

Ein Weckruf

Einige vertreten die Meinung, dass die heutige Rückkehr des jüdischen Volkes in das Land Israel keine besondere Bedeutung hat. Wenn wir davon ausgehen, dass Gott die Welt regiert, müssen wir auch annehmen, dass die Sammlung des jüdischen Volkes seine Absicht war. Für mich ist Israel ein werbender Weckruf an das jüdische Volk, wie auch an uns Nichtjuden. So wie es schon in Hesekiel 26,23 steht: „Und die Nationen werden erkennen, dass ich der Herr bin, spricht der Herr, wenn ich mich vor ihren Augen an euch als heilig erweise.“ In Jeremia steht, dass eine Zeit kommen wird, in der man sagt: „So wahr der Herr lebt, der die Kinder Israel geführt hat aus dem Lande der Mitternacht und aus allen Ländern, dahin er sie verstoßen hatte! Denn ich will sie wiederbringen in das Land, das ich ihren Vätern gegeben habe“ (Jer. 16,15). In der Offenbarung wird deutlich: Alle Ereignisse sollen dazu dienen, dass die Menschen zu Gott umkehren (Off. 9,20-21; 16,9-11).

Zum ersten Mal in der Weltgeschichte kehren Juden aus allen Ländern nach Israel zurück. Doch bis heute hat sich die Erkenntnis in Israel noch nicht durchgesetzt, dass ihre Sammlung als Volk ein Werk Gottes ist. Genauso wenig sehen die Nationen Gottes Handeln in den Ereignissen an Israel. Wir vertrauen immer noch auf unsere eigene Kraft. Ich frage mich, was noch alles geschehen muss, bis die Menschheit beginnt, Gott anzuerkennen.

 

Zum Segen

Als Christen verehren und verherrlichen wir das jüdische Volk nicht, sondern es bewegt unser Herz. Sein Schicksal darf uns nicht gleichgültig sein, da auch Gott um dieses Volk wirbt. Gottes Ziel ist es, dass sich Juden und Nichtjuden gegenseitig zum Segen werden. Als Christen sollen wir durch unser Leben Menschen um uns herum eifersüchtig machen, so dass sie auch diese tiefe Gottesbeziehung haben wollen. Wenn das jüdische Volk sich seinem Messias zuwendet, dann wird das Welt bewegende Auswirkungen haben (Röm. 11,11-15).

 

 

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