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Das Heil kommt von den Juden

 

Predigt zum Israel-Sonntag 2014 zu Johannes 4,22

 

Von Martin Rösch

Jedes Jahr begeht das jüdische Volk in aller Welt den Gedenktag der Zerstörung Jerusalems. Es ist der 9. Aw im jüdischen Kalender. Im Jahr 2014 fällt dieser Tag auf den 5. August. Zweimal ist an diesem Tag der Tempel mitsamt der Stadt Jerusalem zerstört worden, das erste Mal 587 vor unserer Zeitrechnung durch die Babylonier, das zweite Mal im Jahr 70 unserer Zeitrechnung durch die Römer. In zeitlicher Nähe zu diesem Gedenktag begehen Christen bis heute den Israel-Sonntag. Dieser ist in der Vergangenheit oft dazu missbraucht worden, den Triumph des Christentums über das Judentum hervorzuheben, ja sogar Hass gegen jüdische Menschen zu schüren: Zeigt denn die Zerstörung Jerusalems nicht, dass Gott sein Volk Israel verworfen hat – verdientermaßen? Israel hat doch mit Jesus seinen König verworfen und zu Tode gebracht! Dieses Volk bringt Unglück über jedes andere Volk, mit dem sie zusammenleben! So lauteten die Urteile und Verurteilungen gegen das jüdische Volk in christlichen Kreisen.

 

Im Jahre 1936 war in einer deutschen evangelischen Missionszeitschrift über das Volk Israel zu lesen: „Weil Gottes unerforschlicher Ratschluß dieses Volk erwählt hatte, um in ihm das Kommen des Weltenheilands vorzubereiten, und weil dieses Volk seine Aufgabe, Gottes Knecht an der Völkerwelt zu sein, verkannt und versäumt hat, steht es unter besonderem Gericht. Zu diesem Gericht gehört es, dass es den Völkern, unter die es zerstreut ist, so oft Verderben bringt. Wenn ein Staat diesem Verderben wehrt, so tut er seine Pflicht.“ Was hat der Schreiber dieser Sätze wohl gedacht und empfunden, als zwei Jahre später, 1938, in Deutschland die Synagogen verwüstet und in Brand gesteckt wurden, als Juden verhaftet und misshandelt wurden? Diese Taten waren Vorstufen des Massenmords, dem wenige Jahre später etwa ein Drittel des damaligen jüdischen Volkes zum Opfer fiel. Es war übrigens auffallenderweise am 9. Av, am 1. August des Jahres 1941, dass Heinrich Himmler, an der Spitze der SS stehend, von der Reichsregierung die Zustimmung zur von ihm geplanten sog. Endlösung erhielt.

 

Die Haltung vieler Christen zum jüdischen Volk hat sich in den letzten Jahrzehnten in erheblichem Ausmaß gewandelt. Dazu gehört, dass Christen heute betonen: Gott hält an seiner Erwählung des jüdischen Volkes fest bis heute. Es wird in christlichen Gottesdiensten nicht mehr als anstößig unterschlagen, dass es im Evangelium nach Johannes heißt: „Das Heil kommt von den Juden“ (4,22). Jesus hat diesen Satz zu einer Samaritanerin gesagt, zu jener Frau am Jakobsbrunnen, die er in der Mittagshitze um Wasser aus ihrem Krug gebeten hatte. Die Samaritaner waren die Nachkommen der Bewohner des Nordreiches Israel. Dieses war im 9. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung von den Assyrern erobert worden, und sie waren es auch, die Angehörige fremder Völker dort angesiedelt hatten. Es geschah das Unvermeidliche: Die neu Angesiedelten vermischten sich mit den Israeliten und brachten auch fremde Götter mit sich. Auf den Bergen um Samaria wurden diesen Heiligtümer errichtet. Im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung errichteten die Samaritaner auf dem Berg Garizim ein Gegen-Heiligtum zum Tempel in Jerusalem. Dort, so behaupteten sie, sollte der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs angebetet werden. Für Jesus aber ist klar: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hat den Ort seiner Gegenwart nicht gewechselt. Dieser Ort ist Jerusalem in Judäa geblieben, genauer gesagt: der Tempel ebendort. Dort ist auch das Zuhause Jesu. Hatte doch Jesus schon als Zwölfjähriger seine Eltern wissen lassen: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ (Lukas 2,49b).

 

Der Frau aus Samaria kündigt Jesus aber an: Das wird nicht so bleiben, dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakob nur dort angebetet werden wird. „Im Geist und in der Wahrheit“ wird der Vater Israels angebetet werden (Johannes 4,24). Schwer zu verstehen, diese Ankündigung Jesu? Nicht gar zu schwer für uns Heutige, hat Jesus doch in seinen Abschiedsreden, überliefert beim Evangelisten Johannes, deutlich gemacht: Er wird künftig in vollem Umfang vom Heiligen Geist vertreten werden. Der Heilige Geist, den Jesus seinen Nachfolgern senden wird, wird ihn selber gegenwärtig machen bei seinen Nachfolgern. Mit dem Heiligen Geist wird auch die Wahrheit bei den Nachfolgern Jesu gegenwärtig sein. Der Heilige Geist zeigt und macht gewiss darüber, wer Jesus in Wahrheit ist: derjenige, der den Zugang zum Vater vermittelt.

 

Eine junge Frau aus Israel, aufgewachsen in einer traditionell jüdischen Familie, setzte sich vor einigen Jahren mit Jesus auseinander, auch mit seinem Anspruch, er sei der jüdische Messias und damit der Zugang zum Gott und Vater Israels. Das dauerte eine Weile, bis sie auf einem Strandspaziergang während eines Urlaubs die deutlich vernehmbare Frage hörte, die Frage des Messias Jesus: „Wie lange willst du noch vor mir davonlaufen? Ich bin es doch, dein Messias!“ Heute kann diese Frau, vermittelt durch ihn, den Messias Jesus, den Gott und Vater Israels auch als ihren persönlichen Vater anrufen: „Abba, lieber Vater!"

 

Nun könnte man darauf antworten mit der Rückfrage: „Schon für sie – aber was geht mich das an, mich, der nicht aus Israel stammt, nicht zum Volk Israel gehört?“ Darauf gibt jener Satz Antwort, den Jesus an die Samaritanerin gerichtet hat: „Das Heil kommt von den Juden.“ Damit wird dem jüdischen Volk eine einzigartige Bedeutung verliehen, von Gott verliehen. Dieser Satz präzisiert, was damit gemeint ist, dass Israel Gottes auserwähltes Volk ist. Nicht gesagt ist mit diesem Satz, dass das jüdische Volk höherwertiger sei als andere Völker oder gar ein unfehlbares Volk. Von Gott erwählt sein heißt Werkzeug Gottes sein. Das jüdische Volk ist dadurch Werkzeug Gottes geworden, dass in dieses Volk hinein der Heiland der Welt, Jesus von Nazareth, geboren worden ist. Als Heiland der Welt ist er der Heil-Macher der Gottesbeziehung aller Menschen weltweit. Alle Menschen kommen mit einem medizinisch nicht feststellbaren und beschreibbaren Defekt zur Welt: Sie haben nicht die enge und liebevolle Beziehung zu ihrem Schöpfer, für welche sie geschaffen sind. Ihnen kann aber geholfen werden. Dazu ist Jesus, der Heiland der Welt, der große Arzt, in die Welt gekommen und noch immer in ihr gegenwärtig. Er bringt zusammen, was zusammengehört: Menschen und Gott. Was er bewirkt: Dass Menschen zu Gott eine so herzliche, liebevolle Beziehung haben wie ein Enkelkind zu seinen Großeltern, wie ein Kind zu seinen Eltern, bei denen das Kind den Kopf auf die Schultern legt, um ohne Worte zu sagen: Ich gehöre zu dir, zu euch, und bei dir, bei euch habe ich’s gut, bei dir, bei euch wird alles gut.

 

Jesus ist geboren in eine jüdische Familie hinein, ist aufgewachsen als Jude. Dass er als Erwachsener mit den einflussreichen Kreisen seines Volkes in Konflikt geraten ist, hat an seinem Jude-Sein nichts geändert. Jude sein, das heißt zuallererst, zu einem Volk zu gehören. In diesem Volk gab es und gibt es vielerlei religiöse Überzeugungen, auch einander widersprechende. Heute gibt es im jüdischen Volk eine wachsende Bewegung hin zu ihm, dem jüdischen Messias namens Jesus. Zu dieser Bewegung zählt auch die erwähnte Jesus-Nachfolgerin aus Israel. Ein anderer Vertreter dieser Bewegung – er ist Mitarbeiter der in vielen Ländern tätigen Organisation „Juden für Jesus“ – hat im Frühjahr 2014 eine leidenschaftliche Rede gehalten. Es sei die Zeit gekommen, das Volk Israel erneut zu seinem Messias Jesus einzuladen. Mit welcher Zielsetzung? Damit dieses Volk zu seiner längst ausgesprochenen Berufung findet, „Licht für die Welt“ zu sein. Von dieser Berufung ist schon im Buch des Propheten Jesaja die Rede. Die Menora, der siebenarmige Leuchter im Wappen des Staates Israel, greift diese Berufung auf. „Licht für die Welt“ sein, das versteht jener „Jude für Jesus“ so: Alle Völker sollen nicht allein von ihnen, aber auch von Vertretern des jüdischen Volkes erfahren, dass der jüdische Messias Jesus das entscheidend hilfreiche Licht für alle Menschen ist. Hat doch Jesus von sich selbst gesagt: „Ich bin das Licht der Welt“ (Johannes 8,12b). Jesus zeigt den einzig gangbaren Weg zu Gott und zeigt dabei auf sich selbst: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Johannes 14,6). Dass wir als Vertreter der Nationen dieser Erde das Unser-Vater gemeinsam sprechen dürfen, das verdanken wir ihm. Dass wir wie jene Frau aus Israel den Vater Israels anrufen dürfen mit „Abba, lieber Vater“, das verdanken wir ihm.

 

 

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