amzi focus israel Web20202

Eingepfropft in den „edlen Ölbaum Israel“

Predigtvorschlag zum Israel-Sonntag (10. Sonntag nach Trinitatis), 4. August 2013

 

Von Martin Rösch

 

Im Evangelium nach Johannes lesen wir im 4. Kapitel:

„Das Heil kommt von den Juden.“ (Johannes 4,22)

 

Dem Volk Israel hat sich der Schöpfer der Welt zuerst geoffenbart. Dies hat der Schöpfer getan in der Absicht, der ganzen Menschheit zu einer geheilten Beziehung zu ihm zu verhelfen. Diese Absicht wird deutlich in der Zusage Gottes an den Erzvater des Volkes Israel, Abraham:

„…in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1. Mose 12,3)

 

In Jesus von Nazareth ist der Schöpfer der Welt Mensch geworden. Mit ihm ist zugleich der König über Israel, der Messias, in sein Volk hineingeboren worden. Längst hatte der Gott und Vater Israels seinen Willen kundgetan. Das Leben mit seinem Gott und untereinander sollte im Volk Israel festen Regeln folgen. Das war beim Bundesschluss am Sinai geschehen.

 

Jesus hat erklärt, was Gottes eigentliche Absichten mit seinem Volk und allen Menschen sind. Er hat erklärt, wozu all die Regeln dienen, die damals beim Bundesschluss am Sinai erlassen worden sind. Wie ein Lebensstil nach dem Herzen Gottes praktisch wird, das hat Jesus mit einem Kreis von Schülern und Freunden eingeübt, mit seinen Jüngern. Sie hat er ermahnt:

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

 

Die Autoritäten seines Volkes haben Jesus abgelehnt und dem Tod ausgeliefert. Sein Vater aber hat sich zu ihm bekannt und ihn von den Toten auferweckt. Als Auferstandener hat Jesus dem Kreis seiner Jünger einen weltumspannenden Auftrag gegeben: Sie sollen Menschen aus allen Völkern dazu einzuladen, den Kreis der Jünger zu erweitern. Jesus hat seine Jünger nicht nur beauftragt, sondern auch mit göttlicher Kraft ausgestattet. Dies ist geschehen mit der Ausgießung des Heiligen Geistes. Wenige Wochen nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu sind seine Jünger eben dadurch befähigt worden, ihn als den Lebendigen zu bezeugen.

 

Die Gemeinschaft der Jünger Jesu ist zu seiner Gemeinde geworden. Ihr haben zunächst nur Menschen aus dem jüdischen Volk angehört. Dann aber hat Jesus seinen bisherigen Gegner Paulus zum Botschafter für die Völkerwelt berufen. Paulus hat zielstrebig begonnen, den Kreis der Jünger Jesu um Menschen aus der Völkerwelt zu erweitern. Paulus hat herausgestellt: Die Gemeinde des Messias Jesus umfasst Menschen aus dem jüdischen Volk und aus anderen Völkern. Der Friedensstifter Jesus macht das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft möglich. Beim Apostel Paulus lesen wir im Brief an die Christen in Ephesus im 2. Kapitel:

„…er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat… damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe… er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.“ (Epheser 2,14.15.17.18)

 

Wenn wir die Briefe des Apostels Paulus überblicken, so wird deutlich: Jesus ist Friedensstifter in zweifacher Hinsicht. Er sorgt für Frieden mit Gott und für Frieden unter Menschen. Jesus hat alles Böse, gegen Gott und Mitmenschen Gerichtete, von uns Menschen weggenommen, hat es auf sich genommen und an sein Kreuz getragen. Als Leute, die zu ihm gehören, dürfen wir darauf vertrauen: Wir haben freien Zutritt zu Gott, dem Vater, dürfen ihn als meinen und deinen Vater anrufen. Uns gilt die Zusage Jesu an seine Jünger:

„Er selbst, der Vater, hat euch lieb.“ (Johannes 16,27)

 

Menschen, die um die Vaterliebe Gottes wissen, sind zutiefst zufriedene und darum auch friedenswillige und friedensfähige Leute. Dies gilt auch für das Miteinander von jüdischen und nicht-jüdischen Menschen. Auch sie verbindet der Friedenstifter Jesus, der König über Israel.

 

Menschen aus der Völkerwelt, die zum König über Israel gehören, versteht Paulus als eingepfropfte wilde Zweige eines edlen Ölbaums. Diese Sichtweise hat er im Brief an die Christengemeinde in Rom dargelegt. In den Kapiteln 9–11 hat er Gottes Absichten mit dem jüdischen Volk und mit allen anderen Völkern erläutert. Nicht-jüdischen Jesus-Nachfolgern gibt er zu bedenken:

„Wenn… du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Römer 11,17.18)  

 

Mit jenem edlen Ölbaum meint Paulus das seinem Gott vertrauende und gehorchende Israel. Dazu gehören Menschen wie Abraham und Mose, David und Salomo, Esra und Nehemia, Simeon und Hanna, Petrus, Jakobus und Johannes.

 

Ein Beispiel für solche Menschen aus dem Volk Israel ist der alte Simeon. Ihm wird im Tempel in Jerusalem der neugeborene König der Juden, Jesus, in die Arme gelegt. Der Evangelist Lukas berichtet:

„Und siehe, es war ein Mensch namens Simeon in Jerusalem; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; und der Heilige Geist war auf ihm. Und er hatte vom Heiligen Geist die Zusage empfangen, dass er den Tod nicht sehen werde, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen habe.“ (Lukas 2,25.26) 

                      

Jesus-Nachfolger aus der Völkerwelt sind eingepfropft in den „edlen Ölbaum Israel“. Diese von Paulus beschriebene Tatsache ist in der Geschichte der Kirche schon früh übersehen und verdrängt worden. Oskar Skarsaune, ein norwegischer Experte in Sachen „Frühe Kirchengeschichte“, hat in seinem Werk „In the Shadow of the Temple“ („Im Schatten des Tempels“) diese Entwicklung so beschrieben:

„Für die ersten nicht-jüdischen Jesus-Gläubigen muss es eine überwältigende Erfahrung gewesen sein, dass sie sich als vollgültige Glieder des Volkes Gottes fühlen konnten – ohne dass ihnen irgendein Makel wegen ihres nicht-jüdischen Hintergrunds anhing. Sie waren eine Minderheit, und zweifellos erkannten sie an, dass das Volk Gottes etwas war, das schon vor ihnen da war, etwas, in das sie hineingenommen worden waren. Sie waren ‚Mitbürger‘, aber keinesfalls die einzigen Bürger des neuen Königreichs.

 

Im zweiten Jahrhundert lässt sich ein bemerkenswerter Wandel feststellen. Die Christen mit nicht-jüdischer Herkunft übertrafen nun zahlenmäßig bei weitem diejenigen mit jüdischer Herkunft. Schrittweise beeinflusste diese Tatsache das Kirchenverständnis. Bei Justin dem Märtyrer ist die Kirche eine dem Wesen nach nicht-jüdische Größe. Sie besteht aus gläubigen Nicht-Juden, und dieser Kirche der Nicht-Juden stellt Justin die jüdische Nation als dem Wesen nach nicht gläubig gegenüber. Die Grenze zwischen Gläubigen und nicht Gläubigen verläuft tendenziell zwischen Juden und Nicht-Juden. Zwar weiß Justin von einzelnen jüdischen Gläubigen. Aber während bei Paulus die Nicht-Juden dem wahren Israel aus jüdischen Gläubigen hinzugefügt werden, damit sie an ihrem Erbe teilhaben, ist es bei Justin gerade andersherum: Die wenigen jüdischen Gläubigen werden der Kirche aus Nicht-Juden eingegliedert, damit sie an deren Erbe Anteil haben. Dieser Wechsel des Blickwinkels hatte weitreichende Konsequenzen. Während bei Paulus die Nicht-Juden an den Verheißungen teilhaben, die dem wahren Israel gegeben sind, werden bei Justin die Verheißungen vom jüdischen Volk auf die Kirche der Nicht-Juden übertragen. Diese Kirche ersetzt das jüdische Volk. Sie übernimmt das Erbe Israels und enterbt die Juden. Man kann diese Entwicklung beschreiben, indem man ein paulinisches Bild aus Römer 11 heranzieht. Bei Paulus hat Gott einige der Zweige aus dem alten Ölbaum ‚Israel‘ herausgeschnitten und hat an ihrer Stelle einige wilde Zweige eingepfropft – die Nicht-Juden. Bei Justin hat Gott den Ölbaum ‚Israel‘ umgehauen und hat an seiner Stelle einen völlig neuen Baum gepflanzt – die Kirche der Nicht-Juden. In diesen Baum hat er ein paar Zweige aus dem alten Baum eingepfropft – jene Zweige sind die glaubenden Juden.“

 

Über Jahrhunderte war die Überzeugung in der Christenheit verbreitet, dass sie das jüdische Volk als das wahre Israel abgelöst habe. Diese Überzeugung wurde damit begründet, dass das jüdische Volk in seiner Mehrheit Jesus als Messias fortwährend abgelehnt hatte. Menschen aus dem jüdischen Volk, welche sich durch die Taufe der weltweiten Gemeinde Jesu anschlossen, mussten ihre jüdische Identität aufgeben. So gingen sie ihrem eigenen Volk verloren. Bereits im 19. Jahrhundert und verstärkt in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben aber weltweit jüdische Menschen erkannt: Jesus von Nazareth ist nicht der Gründer einer fremden Religion. Er ist der Messias, der König, den unser Volk seit Langem wartet. Er ist der schon gekommene und der wiederkommende Messias. Diese Jesus-Nachfolger aus dem jüdischen Volk sind Bindeglieder zwischen ihrem Volk einerseits und der weitweiten Gemeinde Jesu andererseits. Sie versammeln sich in einer großen Zahl sog. messianischer Gemeinden. Häufig sind unter den Mitgliedern dieser Gemeinden auch nicht-jüdische Jesus-Nachfolger. Messianische Gemeinden zeichnen sich durch eine ausgeprägte Vielfalt aus. Dazu gehört eine unterschiedliche Nähe und Ferne einerseits zum orthodoxen Judentum und andererseits zur weltweiten Christenheit in ihrer konfessionellen Vielfalt.

 

Messianische Juden praktizieren ihre Jesus-Nachfolge mit vielerlei evangelistischen und diakonischen Aktionen. Sie setzen Zeichen für die Liebe und Fürsorge Gottes, die allen Menschen gilt. So versorgen messianische Juden in Tel Aviv Zuwanderer aus afrikanischen Ländern mit Lebensnotwendigem. Dazu ein anschaulicher Bericht:

 

„Die Situation der Flüchtlinge im Park wird immer schwieriger. Ohne ein Dach über dem Kopf und ohne einen Bissen zu essen fristen sie dort ihr Dasein. Deshalb wechseln wir uns seit einiger Zeit mit anderen Teams ab, die Flüchtlinge mit Lebensmitteln und Gottes Wort zu versorgen. Bei einem unserer Einsätze kam ein Israeli auf uns zu, nachdem er uns eine Weile aus der Ferne zugesehen hatte. Ihm war aufgefallen, dass wir nicht nur Essen verteilten, sondern uns auch persönlich um die Flüchtlinge kümmerten, mit ihnen sprachen und ihnen Freundlichkeit entgegenbrachten. ‚Ich weiß, wer ihr seid. Ihr verteilt christliche Literatur‘, sagte er, jedoch ohne Vorwurf in seiner Stimme. ‚Euer Jesus muss voller Liebe sein, und ihr gebt sie an andere weiter.‘ Auf unsere Frage, ob er ein Neues Testament in Hebräisch haben möchte, antwortete er: ‚Wenn wir uns irgendwo in Tel Aviv begegnet wären und ihr mir ein Neues Testament angeboten hättet, hätte ich ‚Nein‘ gesagt. Doch weil ich gesehen habe, was ihr hier tut, habe ich den Eindruck, dass euer Gott ein großartiger Mensch sein muss. Deshalb nehme ich gerne ein Neues Testament.‘“

 

Für Jesus-Nachfolger in Europa ist das ein ziemlich neuer Gedanke, dass Jude-Sein und Nachfolge Jesu sich nicht gegenseitig ausschließen. Beides kommt zusammen in messianischen Gemeinden. Solche gibt es in wachsender Zahl nicht nur in Israel, sondern auch in europäischen Ländern. Suchen wir die Begegnung mit ihnen. Bedenken wir, dass die messianischen Gemeinden an die Urgemeinde in Jerusalem erinnern. Diese bestand ja ausschließlich aus jüdischen Nachfolgern Jesu. Sind messianische Juden nicht so etwas wie unsere älteren Geschwister im Glauben? Halten wir es mit dem Apostel Paulus, einem messianischen Juden, der die Christen in Galatien – und nicht nur dort – ermuntert hat:

„…lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“ (Galater 6,10)

 

 

zurück

 

Diesen Artikel drucken