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Zum Israelsonntag 2012

 

Tröstet, tröstet mein Volk

Von Jurek Schulz

Dieser Vers aus Jesaja 40,1 heißt im Ganzen: „Tröstet, Tröstet mein Volk, spricht euer Gott.“

Wie kaum ein anderes Volk hat Israel in seiner rund viertausendjährigen Existenz leiden müssen. Immer wieder wurden Endlösungspläne ausgearbeitet, die in Verfolgung und Vertreibung, in Exil und Ermordung großer Teile der Juden mündeten. Tränen, Wunden und Not sind ständige Begleiter Israels gewesen.

Im Buch der Klagelieder wird immer wieder gerufen: Wo ist unser Tröster, wer wird uns trösten, uns beistehen, uns helfen? Meine Augen fließen vor Tränen über, so sehr weine ich. Was für ein ergreifender Aufschrei der Einsamkeit Israels in Klagelieder 1,16: „Der Tröster, der meine Seele erquicken soll, ist fern von mir.“

Ist Israel heute nicht erneut allein? Kostet es nicht erneut Kraft, sich öffentlich an die Seite Israels zu stellen und es zu trösten? Wie sehr sind wir erneut gefordert, gegen den Antisemitismus die Stimme zu erheben und Israel nicht allein zu lassen.

Eines ist zum Mitfreuen: Gott hat die Tränen Israels gesehen! Daher gilt Jesajas Formulierung auch heute: „Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: ‚Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber’?“ (Jes. 40,27).

Der Tröster und Beistand Israels ist da, ohne dass er sofort als solcher erkannt wird.

 

Im weiteren Verlauf unseres Jesaja-Kapitels wird deutlich, wodurch und worin der Trost, der Beistand für Israel besteht: Gott selbst kommt zu Hilfe und tröstet es.

Jesaja 40,9b-10a: „Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig.“

Gott, der Herr, kommt als ein starker Gott. Eines Tages wird die Leidenszeit Israels endgültig beendet sein. Gott greift ein als ein gewaltiger, starker Gott.

Es wird Auswirkungen im Leben Israels haben, wenn der Herr als ein Starker zu seinem Volk kommt. Noch leiden sie, aber der Herr selbst wird Israels Trost sein.

Jesaja 40,28-31: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Durch den Tröster bekommen die vom Leiden Müde Gewordenen neue Kraft. Das heißt, Israel bekommt durch die Kraft Gottes eine neue Dynamik. Seine Kraft im Leben der Müden und Kraftlosen kommt zur Entfaltung. Wir sehen das Resultat in diesem herrlichen Bild beschrieben: Die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Fassen wir zusammen: Gott selbst kommt in seiner Kraft zum Haus Israel und ermutigt sie, Ihm, Gott, dem Herrn, zu vertrauen, so dass sich sein Trost offenbaren kann.

 

1. Wo zeigt sich der Trost?

Israel braucht schon heute den Trost Gottes und den Beistand der Freunde. Wo ist der Tröster Israels heute? Er erschien ganz unscheinbar!

Gott, der Herr, hat immer wieder Wege gefunden, die gerade in ihrer Unscheinbarkeit, in ihrer Nichtigkeit den Glauben der Menschen an ihn herausgefordert hatten.

Ein Beispiel. In Kapitel 7 des Jesajabuches wird wieder einmal eine große Bedrängnis für Israel geschildert. Jerusalem soll vernichtet werden. Das Herz des Königs von Juda, Ahas, bebte vor Angst, so heißt es wörtlich, ebenso das des Volkes. Da wird Jesaja von Gott aufgefordert, mit seinem Sohn Schear-Jaschub dem König Ahas Trost zu spenden: „Hab keine Angst, fürchte dich nicht.“

Der Sohn des Jesaja wird zu einer Botschaft für den König und das Volk, denn sein Name, Schear-Jaschub, bedeutet: „ein Überrest wird vertrauen“.

So unscheinbar diese Botschaft Gottes damals auch aussah, hat sie doch nichts an ihrer Aktualität für das Handeln Gottes für den Menschen bis heute verloren.

 

So ist es auch mit der Botschaft des Evangeliums. In der Unscheinbarkeit und Einfachheit des Evangeliums liegt die Kraft Gottes für alle, denen es an Trost mangelt, Juden und Nichtjuden. Der entscheidende Trost liegt im Evangelium des Friedefürsten. Er kam als ein Schwacher und ist doch stark. Er kam als der Tröster Israels. Der leidende und gekreuzigte Messias ist auferstanden, und von ihm heißt es: „Er ist unser Friede“, d.h. unser Schalom (Eph. 2,14). Er ist unser Schalom und hat aus Juden und Nichtjuden eine Einheit gebildet, die sich durch Jeschua den Messias verbunden weiß.

 

Der Tröster Israels ist der Retter Israels, wie es der alte Mann Simeon prophezeite (Lk. 2,30-34): „Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen…“, d.h. deinen Retter. Jesus, der Tröster Israels, aus Israel kommend, ein Licht für alle Völker. Ein Lobpreis für das Volk Israel. In Israel und weltweit wird er zu einem Zeichen, dem widersprochen wird, und nur ein Teil wird sich ihm als den Messias anerkennend anvertrauen.

Auf die Spitze bringt es der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief 1,23: „Wir verkündigen den Messias, den Christus, als den Gekreuzigten.“ Der leidende, am Stamm umgekommene Messias, der Trost Israels? Ist es den Juden nicht ein Skandal und den Nichtjuden eine Narrheit, ein Blödsinn, daran festzuhalten, dass die Botschaft vom Kreuz ein Zeichen des Trostes Gottes für uns ist?

In Vers 24 sagt uns Paulus, dass sich in diesem Messias den Juden und den Nichtjuden die Kraft und die Weisheit Gottes darstellen. Im gekreuzigten Messias ist die Kraft Gottes so unscheinbar vorhanden, dass die meisten nicht glauben können dass in der Botschaft vom Kreuzestod des Messias die Dynamik Gottes vorhanden ist, die wir brauchen, um im Leben und im Sterben eine grundlegende Hoffnung zu haben.

 

2. Die neue Einheit der Glaubenden

Im Epheserbrief, einem Gefangenschaftsbrief an Juden und Nichtjuden der verschiedenen Gemeinden in Kleinasien, macht Paulus deutlich, dass beide, Juden und Nichtjuden, zu einer Einheit geworden sind durch die Vergebung der persönlichen Schuld. Die Basis der Einheit ist die Vergebung und Versöhnung durch ihn, er ist die gemeinsame Mitte und damit unser Frieden, unser Schalom, unser Trost.

Juden und Nichtjuden dürfen Anteil haben am Trost Gottes durch den Messias. Sie sind im Messias das sichtbare Versprechen Gottes, der sagte, dass er einen neuen Bund aufrichtet mit dem einen Ziel: „Vergebung der Schuld“ (Jer. 31,31).

Daher sind die Gläubigen aus Juden und Nichtjuden, welche Jeschua als Messias anerkennen, als Gemeinde sein „neuer Leib“, der auch gleichzeitig der „neue Tempel Gottes“ hier auf der Erde ist.

So ist die Gemeinde niemals eine Organisation, auch wenn sie sich manchmal in dieser Welt so zeigt. In Wirklichkeit ist sie ein Organismus, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, zu einem einzigen Auftrag: Die Wohltaten Gottes in dieser Welt zu verkündigen, indem sie durch den Tröster Israels der Welt Trost spendet.

Er versöhnte Juden und Nichtjuden durch das Kreuz zu einer Einheit, zu einem neuen Leib (Eph. 2,16).

Gott gibt das Geschenk der persönlich erfahrbaren Vergebung und Heilsgewissheit. Dadurch geschieht eine Erneuerung des Handelns (siehe Martin Goldsmith „Jesus and his relationship“).

Er ist unser Friede, mein Friede in meiner Seele, in meinem Herzen, unser Friede der uns hilft, in der Versöhnung zueinander zu leben.

 

3. Im neuen Tempel gibt es keine Wände

Die Diskussion um die Stellung der messianischen Bewegung ist nicht neu. Schon ab dem 2. Jahrhundert wurden in Alexandrien theologische Grundlagen geschaffen, die den „Antijudaismus“ begünstigten. Es kam zu einer langsamen Trennung zwischen Juden und Nichtjuden, wovon auch die Judenchristen betroffen waren. Der Antijudaismus wurde in dieser Zeit zu einer eigenständigen Literaturgattung, auch unter den nichtjüdischen Christen. Durch die Trennung zwischen Juden und Christen mussten sich auch die Judenchristen zwischen Kirche und Synagoge entscheiden und wurden aus der jeweils anderen Gemeinschaft ausgeschlossen.

Vollendet wurde die Trennung ab dem Jahre 325 n. Chr. Nach dem ersten großen christlichen Konzil zu Niccäa durch Kaiser Konstantin wurde offiziell die kirchliche Trennung zwischen Juden, Judenchristen und Nichtjuden vorgenommen. Die Fest- und Feiertage wurden neu geordnet, so dass Christen keine Berührung mehr mit dem Judentum hatten. Obwohl sich das Christentum gerade durch Judenchristen in der jüdischen Diaspora ausgebreitet hatte, wurde mit der zunehmenden Dominanz der „Heidenchristen“ das „Judenchristentum“ abgetrennt. Ab dem Jahre 363 n. Chr. verschärfte sich die Trennung durch Kaiser Theodosius so sehr, dass es für Nichtjuden unter Todesstrafe stand, irgendeine Verbindung zu Juden bzw. Judenchristen zu haben. Was auf kirchlicher Ebene begann, setzte sich auf gesellschaftlicher Ebene fort. Auf dem zweiten Konzil in Konstantinopel 381 n. Chr. wurden dann auch Gesetze erlassen, die eine gesellschaftliche Trennung von Juden und Nichtjuden vorsah.

So erlosch das Judenchristentum als Bewegung, obwohl immer ein kleiner Rest von Christusgläubigen Juden vorhanden war.

 

Erst mit dem Aufkommen des Pietismus begann wieder ein positives Interesse für Israel zu wachsen. Ebenso wurden neue Formen der Verkündigung in der Einfachheit des Evangeliums als eine „jüdische frohe Botschaft“ entwickelt.

Während fast zweitausend Jahren war das Kreuz für Juden ein Symbol für das Schwert in der Hand der Christen gewesen. Doch nun wurde der „Jude Jesus“ als Tröster Israels entdeckt. In dieses Wirken hinein gehören in der neueren Zeit auch Organisationen wie der Evangeliumsdienst für Israel oder die amzi. Auch von jüdischer Seite wird immer mehr der „Jesus der Christen“ als der „Jeschua der Juden“ entdeckt.

Im Wiedererwachen der messianischen Bewegung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg liegt die Chance, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Das Ziel muss sein, dass das messianische Judentum wieder zum selbstverständlichen Leben der Synagogen, Kirchen und Gemeinden gehört. Denn die Mauer der Trennung ist zerbrochen. Wir sind als Juden und Nichtjuden durch den Glauben an den Tröster Israels eine Einheit.

Der eigentliche Auftrag der Nachfolger Jesu ist doch zu proklamieren, was uns der Allmächtige in dieser Welt gegeben hat: „Er ist unser Friede, unser Schalom.“ Die Gnade Gottes ist personifiziert in seinem Messias Jeschua.

In Demut wollen wir uns untereinander Trost und Hilfe sein, Beistand und Ermutigung. Denn ER ist unser Friede. Mögen auch durch uns noch viele diesen Frieden durch die Kraft des Messias Jeschua erfahren. Der Herr segne Sie.

 

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Kreuz auf der Karlsbrücke in Prag

In Hebräisch steht um den gekreuzigten Jesus: Heilig, heilig, heilig, Herr der Heerscharen (Kadosch, kadosch, kadosch, JHWH Zebaoth).

 

Nach der Überlieferung wurde dieser Schriftzug angebracht, nachdem ein Jude im 17. Jahrhundert das Kreuz öffentlich verhöhnt hatte. Mit der Strafe, die er dafür bezahlen musste, wurde die goldene Schrift finanziert, die den Prager Juden als Warnung dienen sollte.